Verschiedenes

Wir stellen Aktivisten vor: Jürgen aus Bonn

„Sei Du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ – Mahatma Gandhi

Was oder wo wäre PETA ohne die zahlreichen und engagierten Aktivisten? Wir sind froh und dankbar, so tolle Unterstützer für die Rechte der Tiere zu haben, die mit gutem Beispiel voran gehen und andere Menschen über Missstände und Tierleid aufklären. Deshalb wollen wir sie und ihre Ansichten sowie ihre Beweggründe vorstellen. Mit Jürgen aus Bonn geht es weiter:

1. Wann warst du zum ersten Mal für Tierrechte aktiv?

Ich erinnere mich nicht, wann ich das erste mal aktiv wurde, aber ich erinnere mich, dass ich noch nie, auch nicht als Kind, Leid bei Tier oder Mensch hinnehmen wollte. Irgendwann in der Grundschule fragte ich völlig fassungslos, warum in dem gerade gezeigten Film, in dem ein Küken aus dem Vogelnest fiel und hilflos am Boden lag, keiner dieses rettete und sich drum kümmerte. Aber verstanden hat das damals keiner. In den 60/70ern waren Tierrechtsgedanken nur wenigen Philosophen vorbehalten und waren in der Gesellschaft völlig unbekannt. Je mehr ich mich informierte, desto aktiver setzte ich mich für Tierrechte ein. PETA war stets eine grandiose Informationsquelle für mich. Die Entscheidung mein Leben und meine Ressourcen ganz für die nichtmenschlichen Mitwesen einzusetzen, fiel endgültig mit dem Film „Earthlings„.

2. Hast du einen oder mehrere tierische Mitbewohner?

Ja, „zwangsläufig“. Denn z.B. Katzen, wie alle anderen Tiere auch, spüren sehr genau, wem sie vertrauen können und wo sie gut aufgehoben sind. So sind mir meine Katzen immer zugelaufen und daraus haben sich tiefe Freundschaften entwickelt. Vor vielen Jahren brachte mir eine wild lebende Mutterkatze ihre Jungen ins Haus. Wie konnte ich da Nein sagen? Heute ist sie meine Großmutter-Katze, nachdem ich die Kastration um wenige Wochen bei den Jungtieren verfehlt hatte. Mein großer, wilder Garten mit angrenzendem Wäldchen soll ein Refugium für Tiere sein. Ich freue mich riesig über regelmäßigen Besuch von Dachsen, Füchsen, Igeln und verschiedenste Vogelarten. Ich weiß, wie beschwerlich und gefährlich es für sie in unseren „Kulturlandschaften“ (ein paradoxes Wort) ist. Dieser wilde, belebte Garten stößt bei den meisten menschlichen Anwohnern sicherlich auf Unverständnis und Ablehnung. Aber wenn wir schon in einer Zivilisation leben, in der alles in Besitztümer zerteilt wird, dann möchte ich meinen Besitz den nichtmenschlichen Tieren zur Verfügung stellen.

3. Gab es einen bestimmten Anlass, der dich deinen Lebensstil ändern ließ?

Ja. Es gab mehrere Anlässe. Der nachhaltigste war vielleicht der Film Earthlings. Es gibt eine Zeit vor und eine Zeit nach dem Betrachten dieses Films. Man ist nicht mehr derselbe danach. Und tatsächlich, meist diejenigen, welche sagen, dass sie sich den Film nicht antun möchten, leben mit einer halbherzigen Inkonsequenz, leben mit Lippenbekenntnissen, ziehen aber keine Konsequenzen. Ich halte nichts davon, andere zu maßregeln oder zu kritisieren. Es geht auch nicht um die Einhaltung irgendwelcher veganer Regeln der Regeln halber. So etwas ist Quatsch. Vegan leben ist keine Religion oder Glauben, sondern eine Frage des Wissens, Empathie und Information. Aber da, wo es ganz konkret um Opfer von Misshandlung und Versklavung schlimmster Art geht, geht es nicht mehr um Toleranz oder persönliche Freiheiten. Ein weiterer Anlass war das Erlebnis der Trennung einer Mutterkuh von ihrem Kalb. Bis dahin hatte ich fast völlig auf Milchprodukte verzichtet, aber erst nach diesem Erlebnis ist mir erst so richtig der Appetit vergangen. Ich bin zu einem Fleischesser konditioniert und erzogen worden. Viele Jahre war das dann unreflektiert „normal“ für mich. Mit 30 fragte ich mich, ob ich mein Essen im Supermarkt auch selbst töten könnte. Die Antwort war ein klares Nein und ab dann vermied ich Fleisch. Völlig unverständlich für mich ist, warum ich mir nicht ähnliche Fragen bei den Milchprodukten gestellt hatte und viele Jahre mit gutem Gewissen vegetarisch lebte. Denn heute weiß ich, dass es aus der Sicht der Opfer keinen Unterschied macht, ob jemand carnivor oder vegetarisch lebt. Das Grauen ist dasselbe. Das lässt sich nicht schön reden. Zugegeben, in dieser Zeit gab es noch keine Vegetarier oder Veganer in der Öffentlichkeit. Es gab auch kein Internet oder Handys. Also Anstöße von außen waren entsprechend selten vorhanden. Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass der Extremismus der „Nutztierhaltung“ und Versklavung der Tiere in jeder Form zu einer alltäglichen, allgegenwärtigen Realität geworden ist. So alltäglich, dass dieser Extremismus das Gesicht der Normalität trägt. Ein ganz normaler Supermarkt ist zu 99% gefüllt mit Tierqualprodukten. Es braucht einige Anstöße, um in dieser Normalität den Extremismus zu erkennen.

4. Welche ist die häufigste Frage, die du in Sachen Tierrechte zu hören bekommst und wie beantwortest du sie für gewöhnlich?

Es sind die Fragen, die jeder kennt. Da gibt es keine Überraschungen. Aktiv erkläre ich zunächst nicht viel und erkläre meist nur, dass vegane Lebensweise eine Frage des Wissens und nicht des Glaubens ist. Wenn ich merke, dass etwas Interesse vorhanden ist, stelle ich gern weitere Informationen zur Verfügung, wenn erwünscht mit Quellenmaterial. Toleranz wird immer wieder gern als Totschlag-Argument angeführt. Aber Toleranz hört da auf, wie ich schon sagte, wo es ganz konkrete Opfer und Verbrechen gibt. Sonst müsste ich diese missbrauchende (scheinlogische) Toleranz gegenüber Carnivoren, Tierqualprodukten und Tierversuchen logischerweise auch Triebtätern, Vergewaltigern und Nazis zukommen lassen, denn sie alle leben ja nur ihre persönlichen Freiheiten und Neigungen aus. Toleranz ist nicht überall anwendbar und jeder muss selbst darüber entscheiden, wo diese Grenze verläuft. Ich ziehe diese Grenze für Toleranz dort, wo Opfer und Leid erzeugt werden. Ob es sich bei den Opfern um menschliche oder nichtmenschliche Wesen handelt, ist in der Erfahrung des erlittenen Leides unerheblich. Das Empfinden von Leid und Qual ist keine intellektuelle Geistesleistung, die dem Menschen vorbehalten, sondern allen Wesen zu eigen ist. Immer wieder höre ich von verbissenen Veganern mit erhobenen Zeigefinger. Alle reden davon. Nur getroffen habe ich selbst noch keine. Habe ich da eine Sehschwäche? Oder bin ich es sogar selbst? Ich habe viel zu lange gute Mine zu bösem Spiel gemacht. Viel zu viel mit Engelszungen geredet, mit größter Rücksichtnahme auf die Empfindungen meiner Gesprächspartner geachtet. Bloß nicht zu krass formulieren…, sonst verschließt sich mein Gegenüber. Aber je öfter ich die grauenhaften Szenen der Folterungen, Schlachtungen, Vergewaltigungen und übelsten Gräueltaten betrachte, desto lächerlicher scheint meine bemühte Diplomatie meinen Mitmenschen gegenüber. Mit jeder erneuten Gräuelszene scheint mir, dass es nicht genug Zeigefinger gibt in Anbetracht der Schwere der Gräueltaten. Mit diesen Bildern im Gedächtnis ist der Zynismus der lächelnden Schweine beim Metzger kaum zu ertragen. Es ist der gleiche Zynismus, wie er vor 75 Jahren in Deutschland herrschte. Weil jeder wegsieht, weil jeder vorsichtig formuliert und, wie ich oft hörte, ja nicht dogmatisch erscheinen möchte, hilft es den Tätern und der Etablierung der Verbrechen zur Normalität. „Ja nicht dogmatisch, bitte!!“ Meine Antwort darauf ist, dass Dogmen Formen eines Glaubens oder Formen einer Ideologie sind. Vegane Lebensweise dagegen ist eine Form des Wissens und der Aufklärung und kann nicht dogmatisch sein, solange sie sich kritisch und nüchtern auf Fakten stützt. Die vegane Lebensweise ist keine errungene Variante einer Lebensform. Oder irgendeine Alternative. Die vegane Lebensweise ist eine dem Menschen artgerechte Lebensform, welche ihm und seiner Mitwelt am besten bekommt. Der Mensch ist vom Verhalten, der Psyche und der Physis her von Natur aus ein veganes Wesen. (Darauf könnte ich an dieser Stelle noch sehr tief eingehen, sprengt aber den Rahmen.) Überraschen kann ich manchmal mit der Aussage, dass alle Menschen Veganer sind. Nur die meisten fehlernähren sich. So lassen sich auch viele paradoxe bis schizophrene Verhaltensweisen der Menschen plausibel erklären. Eine Kuh, die mit Pellets aus Tiermehl gefüttert wird, bleibt ein Pflanzenesser, allerdings fehlernährt. Das gilt auch für Homo Sapiens.

5. Gibt es ein bestimmtes Tierrechtsthema, das dir besonders am Herzen liegt? Falls ja, warum?

Ja. Überwindung des Speziesismus und Überwindung des anthropozentrischen Weltbildes. Klingt theoretisch, hat aber ganz praktische Folgen. Durch Speziesismus und eitlem anthropozentrischem Weltbild, stehen wir heute am Abgrund. In den 6 Millionen Jahren der menschlichen Evolution war das vorher nie der Fall. Ganz zwangsläufig lebten während Millionen von Jahren Menschen nicht anthropozentrisch, sondern eingebettet in die Natur, als ein Wesen von vielen gleichberechtigten Wesen, oder „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.(A. Schweitzer) Der Speziesismus beschränkte sich auf die eigene Sippe und war für das Überleben notwendig und für die Mitwelt ohne weitere Folgen. Und bitte jetzt nicht „ja, aber die Steinzeit“ als Beispiel anführen. Die war vor etwa mehreren 20.000 Jahren. Davor hatte der Mensch erfolgreich mehrere Millionen Jahre gelebt und überlebt. Erst in der jüngsten Geschichte der Menschheit liegt diese Steinzeit und in wenigen Hundert Jahren schafften es die Menschen, sich selbst und den Planeten an den Abgrund zu bringen. Ich empfehle hier von Herzen das Buch: Ismael von Daniel Quinn. Aber Vorsicht. Erfordert mitunter anstrengendes Mitdenken.

6. Magst du uns von einem Moment/Ereignis erzählen, der/das für dich als Aktivistin besonders wichtig war?

Auf der einen Seite steht diese Ohnmacht gegenüber diesen etablierten Verbrechen. Aber das ist auch gleichzeitig mein Antrieb für den Aktivismus. Nicht die Aussicht auf Erfolg, sondern nur das Richtige zu tun, zählt. Am meisten persönlich berührte mich eine Projektwoche in einer Schule. Ich hatte fünf Tage Zeit mit Jugendlichen auf diese Thematik sehr tief einzugehen. Das Feedback war überwältigend. Ich hatte den Eindruck, wirklich einen Anstoß bei den Kindern zu selbstständigem und kritisch aufgeklärtem Denken geben zu können. Die Offenheit und intelligente Diskussion hat mich beflügelt.

7. Welchen Tipp für Einsteiger-Aktivisten hast du?

Authentizität. Höfliches, respektvolles Auftreten, aber kein diplomatisches, politisches Gerede um den heißen Brei herum. Selbstbewusst, aber nicht überheblich, die Dinge beim Namen nennen. Nicht den Mut verlieren, denn es gibt keine Alternative zum Aktivismus, denn Resignation spielt den Tätern in die Hände.

Vielen Dank für deine Unterstützung, Jürgen. Wenn auch Ihr Euch gemeinsam mit uns für Tiere einsetzen wollt, werdet Teil unseres Aktivistennetzwerks.

 

Über den Autor

Anja

seit 2004 vegan und seit 2007 bei PETA Deutschland, hat sie schon europaweit Kampagnen, Demos und Infostände betreut. Sie freut sich über jeden, der durch seine Entscheidungen die Welt für die Tiere besser macht und liebt P!NK – als Künstlerin und als starke Stimme für Tierrechte.

Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen