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Tierversuchshund „Louie“: Sein Leben nach den Qualen

„Ich habe so etwas noch nie erlebt oder gesehen. Ich habe viele Angsthunde kennengelernt und mit allem gerechnet, aber Louie hat meine Vorstellungen leider sogar übertroffen.“ Hund „Louie“ wurde für Tierversuche missbraucht. Im Gegensatz zu vielen anderen Tieren hat er das Leid überlebt. Welche psychischen Verletzungen er davongetragen hat, erzählt Halterin Tina Reschke im Interview.

 

Liebe wird Hunden in Tierversuchslaboren nicht gezeigt. Wie äußerte sich der schlechte Umgang an Louie?

Louie kam zunächst nicht einmal freiwillig aus der Transportbox und hatte – anders kann man es nicht sagen – einfach vor allem und jedem fürchterliche Angst. Als wir den Deckel der Transportbox vorsichtig angehoben haben, ist er herausgesprungen und hat sich gleich unter dem Schreibtisch versteckt. Die darauffolgenden Tage saß er meist völlig verängstigt mitten in einem Regal. Während seiner ersten Tage in Freiheit hat Louie sich keinen Meter bewegt, daher musste er nach draußen getragen werden, um sich zu erleichtern und mal ein wenig zu schnüffeln. Anfangs hat er auch nicht gemacht, wenn er große Angst hatte; einmal hat er sich fast zwei Tage lang gar nicht gelöst…

Was wurde Louie angetan?

Leider weiß ich nicht besonders viel über Louies Vergangenheit. Ich weiß, dass er wahrscheinlich von Geburt an in einem Schweizer Tierversuchslabor war. Er hatte einen Namen, Baily, aber es spricht alles dafür, dass Louie nie draußen war und nie liebevollen Kontakt zu Menschen hatte. Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass er vermutlich eher grob behandelt wurde. Bei bestimmtem Licht ist zu sehen, dass sein Fell am Vorderbein eine andere Farbe zu haben scheint. Es könnte also regelmäßig rasiert worden sein. Daher wurde er vermutlich als Vergleichstier, also für Bluttests, genutzt. Ich bin nicht sicher, ob er je andere Hunde kennengelernt hat, denn vor ihnen hat er so große Angst, dass er sich jedes Mal fürchterlich erschrickt, wenn sie bellen oder ihn auch nur zum Spielen auffordern. Es wirkt fast, als verstehe er die „Hundesprache“ nicht einmal. Wenn Louie für eine umfassende Untersuchung bereit ist, möchte ich noch seine Lunge und einige andere Dinge vom Tierarzt checken lassen. Er hat anfangs viel gehustet und scheint da etwas empfindlich zu sein – Hunde werden auch für Experimente an Tabakwaren missbraucht, aber ich möchte nicht zu wild spekulieren.

Also war die Anfangszeit wahrscheinlich für euch beide nicht leicht.

Ich habe ihn mehrfach täglich in den Garten getragen. Es hat Wochen gedauert, bis er freiwillig aus der Tür ging. Louie war einer der Gründe für den Umzug in eine ruhigere Gegend (Angst vor Kindern / Schule war quasi gegenüber, Verkehr,  Nachbarn usw.). Gegessen und getrunken hat er immer nur nachts. Leckerlis? Keine Chance… Er ist erstarrt, sobald er jemanden oder ein anderes Tier gesehen hat. Selbst wackelnde Äste, Schnee und Regen waren neu und haben ihm große Angst gemacht. Als es geschneit hat, starrte er minutenlang in den Himmel. Außerdem lief er anfangs oft geduckt und hat sich direkt in die hinterste Ecke des Gartens verkrochen, aus der ich ihn auch nicht mehr so schnell herausbekommen habe. Louie hatte außerdem Albträume. Einige Wochen, nachdem er eingezogen ist, bin ich nachts hochgeschreckt, weil er plötzlich wie verrückt gewinselt, gebellt und sich dabei im Kreis gedreht hat. Er war nicht ansprechbar, hat meine Stimme völlig ignoriert. Nach dem Aufwachen war er völlig durcheinander und wirkte desorientiert.

Wie lange ging das so?

In der Wohnung war er die ersten drei bis vier Wochen immer nur am gleichen Platz, kam höchstens nachts mal ein paar Schritte hervor. Er blieb monatelang auf seinem „sicheren Platz“ und es hat lange gedauert, bis er verstanden hat, dass es neben mir auf dem Sofa ungefährlich und sogar ganz schön sein kann. Manchmal schläft er noch unruhig, aber die Albträume sind weitaus besser geworden.

Im Januar 2015 ist Louie bei dir eingezogen. Seitdem sind fast eineinhalb Jahre vergangen. Wie hat sich seine Angst entwickelt?

Mittlerweile bewegt er sich, sofern wir alleine sind, frei und unbeschwert im Haus und ist der Erste, der auf die Couch oder auf das Bett springt. Nur wenn Besuch kommt, verkriecht er sich meist in einen anderen Raum; er ist meist noch zu ängstlich, um zu schnüffeln. Wer Louies Alltag nicht kennt oder ihn nur selten sieht, fragt mich oft, warum er denn keine Fortschritte gemacht habe. Vieles ist für Außenstehende einfach nicht sichtbar. Ja, er zuckt noch immer zusammen, wenn plötzlich ein Vogel zu nahe kommt. Ja, er hat noch immer Angst vor anderen Hunden, fremden Gegenständen oder bestimmten Geräuschen. Ich sehe jedoch, dass er sich sehr gut entwickelt hat. Sicher, er ist noch nicht richtig in dieser neuen Welt angekommen, weil es einfach noch seine Zeit brauchen wird, bis er alles entdeckt und verstanden hat, dass ihm nichts passiert. Doch er ist sehr neugierig und zumindest fühlt er sich in unseren vier Wänden und im großen Garten schon sehr wohl und ist die meiste Zeit über sogar entspannt. Fürs Spielen ist er leider nicht wirklich zu begeistern – mit Kausnacks oder Spielzeugen weiß er rein gar nichts anzufangen – aber zumindest tobt er sehr gerne und rennt draußen wie verrückt um mich herum. Er scheint die Freiheit und Spaziergänge wirklich sehr zu genießen.

Was sind seine größten Entwicklungen?

Nun, er wedelt zum Beispiel tatsächlich fast den ganzen Tag mit dem Schwanz, er läuft nicht mehr geduckt, sondern aufrecht und manchmal fast ein wenig stolz. Er vertraut mir – noch nicht 100 Prozent, aber doch nahezu täglich etwas mehr. Bis dahin war es schon ein sehr langer Weg. Er trinkt und isst nicht mehr nur nachts, sondern fühlt sich sicher genug, um an fast jedem Platz im Haus zu essen. Leckerlis nimmt er nach wie vor nicht an, erst recht nicht draußen – das macht das Training natürlich weitaus schwieriger, aber ich arbeite daran, ihn mit Dingen zu belohnen, die er gerne tut (z. B. Toben). Ihm geht es weitaus besser als noch vor einem Jahr.

Was hat dich besonders überrascht?

Er genießt das Zusammenleben mit meinen drei Katzen, mit denen er sich seltsamerweise trotz unterschiedlicher Körpersprache blendend zu verstehen scheint. Die Katzen kamen erst nach Louie zu mir, aber als sie aus der Box kamen, hat er sich wahnsinnig gefreut – fast, als hätte er schon vorher Kontakt zu Katzen gehabt. Da ich leider nahezu nichts über das Institut weiß, aus dem er stammt, kann ich nur vermuten, dass es dort eventuell auch Katzen gibt.

Auf was muss ein Tierfreund sich einstellen, wenn es um Hunde aus Tierversuchslaboren geht?

Da ich schon einmal eine Beaglehündin aus dem Labor aufgenommen hatte, wusste ich, dass man sich auf alles einstellen sollte und dass ein Tier sich anfangs schlimmstenfalls nicht einmal freiwillig anfassen lassen würde. Am besten kann man sich das wohl vorstellen, wenn man sich vor Augen hält, dass die Tiere in der Regel in den Instituten geboren werden und nichts anderes kennen – also quasi in eine völlig neue Welt kommen, in der alles fremd ist. Natürlich sind die Hunde nicht stubenrein, denn in den wenigsten Laboren können sich die Tierpfleger*innen die Zeit nehmen, um mit ihnen spazieren zu gehen. In einigen Instituten gibt es wohl Freilaufflächen oder Gehege im Außenbereich, aber soweit ich weiß, ist das die absolute Ausnahme.

Was sind deine wichtigsten Tipps für Hunde mit seiner Vergangenheit?

Geduld. In erster Linie ist es wichtig, wirklich auf alles vorbereitet zu sein, denn auch, wenn z.B. 100 Hunde aus einem Institut stammen, hat doch jeder eigene Erfahrungen gemacht. Die Tiere brauchen Zeit. Zeit, sich in der neuen Welt zurechtzufinden, also sind sie auch auf unser Verständnis und auf unsere Rücksicht (z.B. Vermeidung lauter Geräusche und schneller Bewegungen) angewiesen. Mitleid wiederum ist der falsche Weg – natürlich nehme ich Louies Ängste sehr ernst, aber selbstverständlich sollte ich ihn nicht verunsichern und noch in seiner Angst bestärken. Ihm hilft es oft, wenn er sieht, dass ich bestimmte Situationen mit Humor nehme. Dann scheint er fast zu merken „Ah, das kenne ich ja eigentlich schon.“ Und ganz wichtig: Positive Trainingsmethoden (positive Bestärkung) – mit Schimpfen oder anderweitiger Bestrafung wird ein so ängstlicher Hund nur zusätzlich eingeschüchtert, lernt es jedoch nicht, all die neuen Dinge auch zu verstehen und sich wirklich einzuleben.

Was wünscht du dir für andere Tiere in Laboren?

Ich wünsche mir vor allem ein Ende von Tierversuchen. Experimente an Tieren sollten endlich verboten werden; stattdessen sollten aussagekräftigere tierversuchsfreie Methoden zum Einsatz kommen.

 

 

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Über den Autor

PETA Team

VeganBlog.de ist das Blog zum Thema Tierrechte und veganem Lifestyle von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.

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