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Die Tierrechtsdebatte: Vom Utilitarismus zum Abolitionismus

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Diese Blogreihe ist ein Gastbeitrag von Alessia Bacigalupo

Die Tierrechtsbewegung richtete sich über die Jahre hinweg hauptsächlich an zwei Philosophen aus: Peter Singer und Tom Regan.

Singer wird meist mit dem Utilitarismus in Verbindung gebracht, Regan hingegen gilt als Abolitionist.

Die Veröffentlichung von Singers Buchs Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere legte den theoretischen Grundstein für die Dekonstruktion der Barriere zwischen Nicht-Menschen und Menschen. Das Buch stellt die traditionelle Nutzung von Tieren zu Nahrungszwecken, in der Forschung, zur Herstellung von Kleidung und zu Unterhaltungszwecken in Frage und inspirierte Aktionsgruppen dazu, sich für einen Wandel im Blick der Gesellschaft auf Tiere starkzumachen.

Singers Moraltheorie ist konsequentialistisch angelegt: Jede Tat wird nach ihrem globalen Einfluss beurteilt. Als gutes Verhalten gilt, was das Wohl der größtmöglichen Anzahl von Lebewesen – menschliche und nicht-menschliche – maximiert.

Die gleiche Berücksichtigung von Interessen basiert auf der Idee, dass jedes leidensfähige Lebewesen von Bedeutung ist. Natürlich untergräbt dieses Argument all jene Theorien, die besagen, der Mensch müsse Tiere nicht moralisch berücksichtigen, da sie einer anderen Spezies angehören. Diese Voreingenommenheit gegenüber Tieren nennt man Speziesismus

Es gibt die unterschiedlichsten „ismen“. Beim Rassismus geht es um eine andere Hautfarbe, die Vorurteile auslöst, beim Seximus um das Geschlecht, beim Speziesismus um die Spezies.

Speziesisten glauben, nur der Mensch habe das Recht auf einen voll- und gleichwertigen moralischen Status, da er eine Nationalität, Autonomie, Gedanken an die Zukunft etc. besäße.

Singers Ablehnung dieser Theorie fußt auf der Annahme, dass, würden wir uns wirklich auf die zuvor genannten Eigenschaften berufen, um zu entscheiden, wer einer moralischen Abwägung wert sei, dies auch Diskriminierung gegenüber bestimmten Menschen legitimieren würde.

Der Philosoph nutzt für sein Argument Grenzfälle, um die Konsequenzen logisch darzulegen: Wäre das Kriterium, an dem wir moralische Relevanz festmachen, das Ichbewusstsein eines Individuums, müssten wir nach Singer menschliche Kleinkinder und stark zurückgebliebene Personen ausschließen, da sie dieses Bewusstsein nicht besitzen. Doch das geschieht nicht. Deshalb sei das Ichbewusstsein kein hinreichendes Argument, nicht-menschliche Lebewesen moralisch auszugrenzen.

Peter Singers Konzept der Gleichwertigkeit ist so angelegt, dass die Interessen jedes fühlenden Lebewesens einbezogen werden, unabhängig von Spezies, Rasse oder Geschlecht. Diese Aussage muss jedoch gegen seinen Utilitarismus abgewogen werden. Wie bereits erwähnt, orientiert er sich dabei am Wohl einer Gesamtmasse, was bedeutet, dass die Gleichwertigkeit eingeschränkt wird, wo das Allgemeinwohl vor den Interessen einer Minderheit stehen kann.

Tom Regans Meisterwerk The Case for Animals Rights (1983) bietet eine Neuinterpretation der kantianischen Theorie, wonach der Mensch als Selbstzweck, nicht als Mittel für eine andere Person gesehen werden sollte. Regan bezog dies auch auf nicht-menschliche Tiere. Er nennt all die Individuen, die einen Selbstzweck einnehmen, Lebenssubjekte.

Regans Ethik ist im Gegensatz zu Singers Ansatz nicht konsequentialistisch. Das bedeutet, dass die Bedeutung eines Verhaltens nicht anhand seiner Konsequenzen auf die Gesamtzahl beurteilt wird; vielmehr kommt es auf den Einfluss an, den das Verhalten auf die Lebenssubjekte haben kann. Oder anders formuliert: Die Interessen eines Lebenssubjekts können nicht dem Interesse der Mehrheit unterliegen.

Mehrere Bedingungen müssen gegeben sein, damit ein Subjekt ein Lebenssubjekt ist: Die Fähigkeit zu einem Ichbewusstsein, zu einem emotionalen Leben, zur Wahrnehmung der Zukunft und die Fähigkeit, ein Ziel zu verfolgen oder eine Handlung zu beginnen.

Regan argumentiert dann, auch Tiere, insbesondere Säugetiere, würden diese Bedingungen für ein Lebenssubjekt erfüllen. Dies sei der Grund, warum ihnen bestimmte Rechte zustehen müssten – selbstverständlich abhängig von ihren Bedürfnissen und ihrer Beschaffenheit.

Regan zufolge habe der Mensch Verpflichtungen gegenüber Tieren. Am fundamentalsten sei die Verpflichtung, sie als moralische Subjekte zu erachten, die gleichwertig berücksichtigt werden müssten.

Er geht davon aus, dass Tiere – wenn man sie also als Lebenssubjekte sehen müsse – nicht als Mittel zu Zwecken des Menschen dienen dürften.

Die von ihm beschriebene Verpflichtung läuft im Grunde auf die radikale Abschaffung aller Aktivitäten hinaus, bei denen Tiere vom Menschen genutzt oder konsumiert werden – von Tierversuchen über Nahrung bis hin zur Unterhaltungsindustrie. Geht man von Tieren als moralischen Wesen aus, seien all diese Aktivitäten sowie das System, das sie unterstützt, grundlegend falsch.

Sie seien, so Regan, nicht nur aufgrund des Schmerzes falsch, den der Mensch Tieren zufüge, sondern weil jedes fühlende Lebewesen den Wunsch habe, zu leben. Deshalb müssten auch die angeblich „humanen“ Methoden der Tiernutzung verboten werden, da auch hier die Interessen nicht-menschlicher Tiere vernachlässigt würden.

Tom Regan spricht sich für die Einbeziehung nicht-menschlicher Lebewesen in einen kollektiven Moraldiskurs sowie in das Rechtssystem aus.

Da auch Grenzfälle in unser Moralsystem eingeschlossen sind – und zwar trotz ihrer Unfähigkeit, an öffentlichen Entscheidungen teilzunehmen –, steht die Einbeziehung von nicht-menschlichen Tieren ebenfalls außer Frage.

Wo Peter Singers Utilitarismus bereits den Vorteil hatte, tierische Interessen in die moralische Hierarchie einzubeziehen und eine gleichwertige Berücksichtigung tierischer und menschlicher Interessen verfolgte, hat Regan diesen Prozess mit seiner Theorie noch weiterentwickelt. Er brachte die Debatte in den Rechtskontext und forderte die Abschaffung von Institutionen, die für die Ausbeutung von Tieren verantwortlich sind.

Weitere Themen dieser Blogreihe:

Wie weit reichen Veganismus und Tierrechte wirklich zurück?
Werfen wir die kartesianische Sicht auf Tiere über Bord!
Speziesistische Theorie: Von ihren Anfängen und Entwicklungen
Die Verbindung zwischen Feminismus und der Unterdrückung von Tieren

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Über den Autor

PETA Team

VeganBlog.de ist das Blog zum Thema Tierrechte und veganem Lifestyle von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.

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