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Speziesistische Theorie: Von ihren Anfängen und Entwicklungen

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Diese Blogreihe ist ein Gastbeitrag von Alessia Bacigalupo

Warum sollen wir überhaupt moralisch zwischen Mensch und Tier unterscheiden, wo doch Wissenschaftler wie Charles Darwin bewiesen haben, dass zwischen Menschen und anderen Arten eine enge Verbindung besteht? Warum ziehen Ethiker und Politiker nicht-menschliche Tiere überhaupt nicht in ihre Überlegungen mit ein?

Diese Fragen stellte sich Richard D. Ryder, als er 1970 als klinischer Psychologe in Oxford tätig war. Er war damals Teil der Oxford Group – eines Intellektuellenkomitees mit dem Ziel, die Art und Weise bloßzustellen, auf die Tiere sowohl in der Forschung als auch in der Nutztierhaltung behandelt wurden.

Eines Tages, während er gerade ein Bad nahm, dachte Ryder über die Verbindung zwischen Vorurteilen aufgrund von Ethnie, sexueller Orientierung und sozialer Klassenzugehörigkeit und den Ungerechtigkeiten, die Tieren angetan werden, nach. Da wurde ihm klar: Die Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Spezies sollte Speziesismus heißen.

Der Begriff Speziesismus beschreibt die Bevorzugung von Mitgliedern einer bestimmten Spezies vor Mitgliedern einer anderen Spezies aufgrund von Vorurteilen, wobei die Interessen der einen Spezies außer Acht gelassen werden.

Der Begriff wurde geschaffen, um auszudrücken, dass der Mensch Tiere aufgrund der Tatsache diskriminiert, dass sie nicht der gleichen Spezies angehören.

Ryder setzte umgehend ein Flugblatt[1] auf, um die Bedeutung des neugeschaffenen Wortes darzustellen und Rückmeldungen aus dem akademischen Umfeld einholen zu können.

Ryder konzentrierte sich mit dem Begriff auf das Wort ‘Spezies’. Genau wie der Begriff ‘Rasse’ hat dieses Wort eine eher vage Bedeutung, wie der wissenschaftliche Fortschritt verdeutlichte. Der Psychologe stellte deshalb in seinem Flugblatt die provokante Frage, wo man nun eine Laborkreuzung aus einem Biologieprofessor und einem Gorilla antreffen sollte: In einer Wiege oder in einem Käfig?

Die Vagheit des Begriffs ‘Spezies’ beschäftigte auch den französischen Philosophen Jacques Derrida (1930-2004). In seinem Werk Das Tier, das ich also bin (2006) analysiert er die Unterschiede zwischen all den Individuen, die wir Mensch nennen und all denen, die wir Tier nennen. Dabei stellt er fest, dass die konventionellen Grenzen, die die beiden Kategorien trennen, schwach sind. Außerdem wirke das vom Menschen zur Definition anderer Lebewesen genutzte Wort ‘Tier’ aufgrund der großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Tierarten extrem einschränkend.

Diese Einschränkungen lägen begründet in der aristotelischen Hierarchie der Lebewesen und seien von den nachfolgenden philosophischen Tendenzen aufrechterhalten worden. Als Beispiel blickt er auf den deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976), der drei Arten eines ontologischen Status herausstellte: Objekt, Tier und Mensch. Tiere würden sich demnach vom Menschen unterscheiden, da sie „weltarm“ seien und nicht die Fähigkeit besäßen, sich ihrer Sterblichkeit bewusst zu sein. Daraus abgeleitet sei ihr Leben nicht so wertvoll wie das des Menschen.

Derridas Kritik entspricht in etwa der Analyse des Urhebers des Begriffs Speziesismus und gibt einen guten Denkanstoß, welche Vorurteile wir gegenüber anderen Spezies hegen.

Ryder und der Philosoph Peter Singer stellten den Speziesismus in Zusammenhang mit bereits zuvor anerkannten Formen der Diskriminierung, wie Rassismus, Sexismus, Klassismus etc.

Diese fundamentale Annahme führte zu einem wichtigen ethischen Fortschritt in Hinblick auf die Frage, wie eine Gesellschaft mit Tieren umgehen sollte.

Singer war der Erste, der den Begriff Speziesismus weit verbreitete, und seit 1985 steht das Wort im Oxford English Dictionary. Singer betonte, auf Vorurteilen aufgrund der Spezies basierendes Verhalten würde das Prinzip der gleichen Berücksichtigung der Interessen von sowohl Mensch als auch Tier untergraben.

Er trat damit in die Fußstapfen des englischen Philosophen Jeremy Bentham und argumentiert, Speziesismus führe zu einer ungerechtfertigten ungleichen Behandlung von Tieren, die tendenziell menschliche Interessen dem Tierwohl vorziehe.

Diese Situation wird deutlich, wenn man die Leidensfähigkeit von Tieren in Betracht zieht, die der des Menschen gleichartig ist, bedenkt man bestehende Praktiken der Tierausbeutung und der Nutzung von Tieren als reine Gebrauchsgüter.

Obwohl Ryder und Singer ihren Blick auf den Begriff Speziesismus teilten, besteht ein erheblicher Unterschied zwischen den von ihnen entwickelten Theorien, wo es um die Beurteilung von Leid geht.

Der utilitaristische Philosoph Singer konzentriert seine Moraltheorie auf die gleichwertig zwischen Mensch und Tier verteilte Gesamtbefriedigung von Interessen. Mit diesem Ziel sei es zulässig, die Interessen eines Einzelnen zu opfern, um den größtmöglichen Vorteil für die größtmögliche Menge an Individuen zu erzielen.

Ryders Position unterscheidet sich damit von Singers Utilitarismus, da Singers Theorie das Individuum nicht ausreichend schütze. Aus diesem Grund führte Ryder im Jahr 1990 ein weiteres Wort in seine Liste der Neologismen ein: ‘Painism’, hergeleitet vom englischen Wort „Pain“ für „Schmerz“.

Der Painismus gesteht jedem Individuum, das Schmerz empfinden kann, ein einzigartiges moralisches Ansehen zu. Zur Definition von Schmerz gehören sowohl physisches als auch psychisches Leid.

Ryder überwirft die utilitaristische Theorie des Nutzens für die größtmögliche Anzahl an Individuen und schlägt stattdessen eine Theorie vor, in der der Schmerz jedes Individuums moralisch entscheidend ist. Gutes Verhalten ist demnach nicht das Verhalten, das darauf abzielt, das Gesamtleid zu mindern, sondern das, das besonders die Minderheitengruppen beachtet, die am meisten leiden. Ryder nennt diese Gruppen die „maximal Leidenden“.

Von der Erfindung des Begriffs Speziesismus bis hin zur Ausdifferenzierung seiner Moraltheorie und der Einführung des Painism: Richard Ryder hat in der Infragestellung der menschlichen Vormachtstellung und zur Einbindung nicht-menschlicher Tiere in den moralischen Kreislauf eine entscheidende Rolle gespielt.

[1]Richard Ryder, Speciesism Again: the original leaflet, (2010)  Abgerufen unter https://web.archive.org/web/20121114004403/http://www.criticalsocietyjournal.org.uk/Archives_files/1.%20Speciesism%20Again.pdf

 

Weitere Themen dieser Blogreihe:

Wie weit reichen Veganismus und Tierrechte wirklich zurück?
Werfen wir die kartesianische Sicht auf Tiere über Bord!
Die Tierrechtsdebatte: Vom Utilitarismus zum Abolitionismus
Die Verbindung zwischen Feminismus und der Unterdrückung von Tieren

 

 

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PETA Team

VeganBlog.de ist das Blog zum Thema Tierrechte und veganem Lifestyle von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.

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