Ernährung Verschiedenes

Sind diese „Delikatessen“ wirklich delikat?

© Kraehahn

Ein Gastartikel der erfolgreichen Hotel- und Gastroexpertin Eva-Miriam Gerstner

Im Clubrestaurant wummern die Bässe und blitzen die Discolichter. Menschen unterhalten sich lautstark, lachen, trinken, feiern – sie schieben sich aneinander vorbei, bleiben im Eingang stehen. Sie feiern sich, das Leben und haben Spaß dabei. Im Eingangsbereich, zwischen Tresen und Türsteher, steht ein großes Becken aus dickem Glas. Kahl, einfach nur ein großer Wasserbehälter aus Glas. In ihm liegen – teils aufeinandergestapelt – circa 20 Hummer, die Scheren mit Einweckgummis zusammengeschnürt, reglos und apathisch, wie Dummys aus Plastik – ein trauriger Anblick. Sie sollen den Gästen Appetit machen auf die Spezialität des Hauses: „frischer“ Hummer in allen Variationen!

©iStock.com/T_W
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Eine Vorbereitungsküche der gehobenen Gastronomie. Heute stehen frische Flusskrebse auf der Speisekarte, der Jungkoch soll sie vorbereiten. Der Züchter, der die Tiere gestern Abend direkt in die Küche geliefert hatte, hat die lebenden Flusskrebse auf Eis gelagert, der Jungkoch holt sie aus dem Kühlfach. Halb bewusstlos taumeln die Tiere auf dem Eis. Um später ein makelloses Stück Krebsfleisch zu erhalten, wird den lebenden Tieren nun der Darm mit einem Messer ausgelöst, sprich, herausgerissen. Sie werden zur Seite gelegt, bis sie dann ca. zwei bis drei Stunden später mehr oder weniger noch lebend in kochendes Wasser geschmissen werden.

©iStock.com/Chris Pole
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Volksfeststimmung in einer großen deutschen Stadt. Fressbude reiht sich an Fressbude, es gibt nichts, was es nicht gibt. Und eben auch eine große Pfanne leckerer Froschschenkel, geschwenkt in Knoblauchbutter und dazu frisches Weißbrot. Die Beine wurden den lebenden Tieren wahlweise mit einer Art Gartenschere abgeschnitten, oder aber mit einer ruckartigen Handbewegung nach rechts einfach herausgerissen – beides führte nach zwei bis drei Stunden zum Tod des Frosches, der in den Müll zu den Speiseresten geworfen wurde.

Amuse-Gueule beim Italiener um die Ecke: Schneckenpesto! Leicht nussiger Geschmack, mit Tomaten verfeinert, abgerundet durch Knoblauch und Basilikum. Lecker – oder?

Und auch ganz einfach in der Herstellung: Schnecken ca. eine Woche aushungern, damit der Darm geleert wird, dann in Essigwasser ausreinigen und in heißes Wasser schmeißen. Der Tod ist qualvoll, wenn der Siedepunkt des Wassers erreicht und die Hitze langsam durch die robuste Schale der Schnecke durchgedrungen ist. Das Piepen signalisiert, dass Luft aus dem Schneckenhaus ausdringt. Danach die gekochte Schnecke mit Basilikum, Käse und Kräuter in den Mixer – und schwupp = Schneckenpesto = pürierter Tierkörper, im Ganzen. Eine „Delikatesse“, bei der einem das Wasser im Mund zusammen … oder nicht?

Alle Tiere haben Gefühle!

Schalen- und Krustentiere, Schnecken, Froschschenkel, „Meeresfrüchte“ – sowohl die Gastronomie als auch die Konsumenten vergessen viel zu schnell, dass wir es AUCH HIER mit Lebewesen zu tun haben, die mit einem hochsensiblen Nervensystem ausgestattet sind. So lernt man im Internet, zum Beispiel unter hotelfach.de: „Testen Sie das Frischemerkmal des Tieres, indem Sie es berühren – es wird sofort den Schwanz einziehen!“

Schon mal einer Schnecke an die Fühler gegriffen? Nein? Man schafft es nicht, das Tier zieht sich sofort zurück. Diese Tiere leben, atmen und fühlen wie jedes andere Lebewesen auch, teilweise sogar noch sensibler als andere Tiere auf der Erde und im Wasser – der Fang, der Transport und die Zubereitung sind so unmenschlich (wenn das hier der richtige Begriff sein soll), dass man dem nur mit einer gewissen herzlosen Ironie entgegentreten könnte. Eigentlich muss man sich fragen: Soll ich weinen oder mich direkt übergeben?

Zahlen, Daten, Fakten und Informationen gibt es im Internet zahlreich – um einige hier aufzuführen:

  • Hummer werden in Lebendfallen gefangen, manche treiben ab oder werden schlicht vergessen – der Hummer fristet sein weiteres Dasein im engen Käfig, nahezu unfähig, sich zu bewegen oder an Nahrung zu kommen; er ist aber so robust, kommt oft monatelang ohne Nahrung aus. Hummer können bis zu 100 Jahre alt werden.
  • Der Transport und die Lagerung von Krebstieren bis hin zum Restaurant dauern oft bis zu vier Wochen – um das Wasser der Lagerungsstätten nicht mit Kot zu beschmutzen, werden sie einfach nicht mehr gefüttert.
  • Dass diese Tiere ebenso Schmerzen und Panik empfinden können wie alle anderen Lebewesen, ist mehrfach nachhaltig bewiesen worden. Brodeln, quietschen und fiepen im Kochtopf sind keine Gase oder Luft, die entweichen – es sind die Schreie von Lebewesen, die sich nicht anders artikulieren können.
  • In wissenschaftlichen Tests wurde dargestellt, dass bestimmte Schneckenarten mithilfe ihres Nervensystems ein Lernverhalten anzeigen bzw. trainiert werden können.
  • Frösche und Froschlarven reagieren hochsensibel auf Umweltveränderungen und tolerieren sehr viel weniger als Ratten oder andere „Versuchstiere“.

Kritisch gefragt…

Ich kann mir diese Frage nicht verkneifen: Wer von meinen Hotel- und Gastrokollegen war schon einmal vier Wochen lang mit den Händen auf dem Rücken gefesselt, mit schwarzem Klebeband mundtot gemacht und eingesperrt in einem gläsernen Sarg? Unsexy Vorstellung, oder?

Der Hummer im Glasbecken im Eingang des Food-Clubs soll aber Lust auf Hummer machen?

Wie auch immer, die Liste lässt sich unendlich lang fortsetzen.

Es hilft uns in der Branche nicht, nach Gesetzen zu schreien, wegzuschauen, diese und jene Fang- und Verarbeitungsmethoden schönzureden oder verbessern zu wollen – ich möchte auch nicht mit dem Finger auf die zeigen, die es bis heute nicht verstanden haben und diese Produkte immer noch auf ihren Speisenkarten anbieten.

Mein Wunsch wäre, dass die Branche sich informiert, dass wir uns darum kümmern, dass Fakten und Daten an Kollegen und Azubis und auch an Kunden und Gäste weitergegeben werden, dass man diese Produkte bewusst NICHT anbietet, weil der Umgang mit den Tieren widerwertig und brutal ist. Ganz einfach.

Beginnt man mit der hohen Sensibilität und dem Schmerzempfinden dieser Tiere, addiert die umweltzerstörenden Fangmethoden dazu, schaut nicht über die qualvollen Transportbegebenheiten hinweg und beachtet dann auch noch die abscheulichen Verarbeitungsmethoden – was bleibt dann am Ende des Tages noch von der „Delikatesse“ übrig? Nichts.

Traurig, aber wahr! Think about it!

 

PETA dankt Eva-Miriam Gerstner für diesen Artikel.

Über Eva-Miriam Gerstner

Die berühmte Gastronomin engagiert sich bereits seit 2011 zusammen mit PETA für die Rechte der Tiere. Damals realisierte sie ein provokantes Motiv, das auf das Tierleid von Gänsen und Enten bei der Produktion der „Delikatesse Foie gras“ aufmerksam macht.

Sie eröffnete als jüngste Hotelchefin in Deutschland 2004 das Q! in Berlin und machte daraus das beste Designhotel der Welt. Eva-Miriam Gerstner kreierte dort einen Melting Pot für Stars und Kreative. Jetzt gibt sie mit ihrem „Büro Gerstner“ ihr breites Know-how über Hotels, Gastronomie und Tourismus von der Konzeption bis hin zur Neuausrichtung als Beraterin, und seit 2008 regelmäßig auch als TV-Expertin an Inhaber, Investoren und Manager weiter. Zuletzt war sie 2015 in der erfolgreichen TV Show „Restaurant start-up“ als Coach zu sehen.

Mehr Informationen:

PETA.de/Hummer

PETA.de/Hummer-gekocht-werden-tut-weh

PETA.de/Froschschenkel

PETA.de/Gerstner

 

 

 

Über den Autor

SylvieB

Sylvie arbeitet seit vielen Jahren bei PETA im Marketing. Sie ist Diplom Soziologin und Tierrechte sind seit mehr als 20 Jahren ihr Herzensthema.

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