Verschiedenes

Pardon, worum geht es beim Turkey Pardon?

Traditionell gibt es in den USA den sogenannten Turkey Pardon, doch worum geht es bei dieser Truthahn-Begnadigung eigentlich? Nun, der Präsident der Vereinigten Staaten hält Jahr für Jahr eine aufwändige – oder einfach dumme, nutzlose und ironische – Zeremonie ab: Darin wird ein Truthahn (im Grunde sind es zwei, aber mehr dazu später) davor bewahrt, getötet zu werden und auf dem Teller zu landen. Bei der sogenannten National Thanksgiving Turkey Presentation wird ein Truthahn „begnadigt“, ohne vorher überhaupt ein Verbrechen begangen zu haben. Es werden Fotos gemacht und dann hört man nie wieder etwas davon.

Seltsam – der Präsident setzt sich weder für ungesunde Zuckergetränke ein, noch für Zigaretten, Asbest oder Zyanidkapseln. Und doch stützt er mit dieser Aktion eine Industrie, die die Gesundheit amerikanischer Bürger massiv beeinträchtigt, die Umwelt zerstört und jedes Jahr Millionen von Tieren quält.

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An der jährlich stattfindenden Zeremonie nehmen Vertreter von Organisationen wie der National Turkey Federation teil. Diese gehört zu einer Industrie, die aus der Zucht und Tötung so vieler Tiere wie nur möglich Profit schlägt. Und es kommt noch schlimmer. Die in diesem Jahr eingesetzten Truthähne stammen von Foster Farms – einem Unternehmen, das für die Erkrankung von über 600 Menschen nach dem Verzehr von mit Salmonellen infiziertem Hühnerfleisch verantwortlich war. Außerdem vermittelt es seinen Kunden den Eindruck, die schrecklichen Bedingungen in seinen Hühnerfarmen seien „human“.

Foster Farms ließ eine Gruppe Schulkinder darüber mitbestimmen, welche Truthähne für die diesjährige Zeremonie ausgewählt werden sollten. Ein kleines Mädchen hatte von allen Anwesenden offensichtlich nicht nur das meiste Mitgefühl, sondern auch den gesündesten Menschenverstand und sagte: „Ich habe für einen der nervöseren abgestimmt, weil ich finde, dass jeder Truthahn eine Chance verdient hat.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf.

Aber warum zwei Truthähne?

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Vögel noch vor der Zeremonie krank werden oder sterben, ist so hoch, dass man für den Notfall einen „Ersatz“ braucht. In der landwirtschaftlichen Tierhaltung werden heutzutage so große Vögel gezüchtet, dass die Organe der Tiere nicht mehr oder kaum noch mithalten können. Bis zu 10 Prozent der Truthähne in der landwirtschaftlichen Tierhaltung sterben, noch bevor sie am Schlachthof ankommen. Die Tiere sind dermaßen unnatürlich groß, dass viele noch nicht einmal aufstehen können, ohne schreckliche Schmerzen zu haben.

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Was passiert nach der Zeremonie mit den Vögeln?

Ein gemütliches Häuschen im sonnigen Florida? Eine ruhige Kugel schieben? Ganz und gar nicht.
Eine Zeit lang kamen die Vögel in den sogenannten Frying Pan Farm Park – das ist ungefähr, als würde man seine Großeltern an einen Ort namens „Friedhofs-Finka“ oder „Miet-Mausoleum“ schicken. Danach brachte man die Tiere einige Jahre nach Walt Disney World oder Disneyland, nannte sie dort die „glücklichsten Truthähne der Welt“ und ließ sie in Paraden auftreten.

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08 Pardoned Turkey at Disneyland | Jason Lam | CC BY-SA 2.0

Dann entschieden ein paar Männer in Anzügen, dass in Kinderträumen wohl keine kranken, sterbenden Vögel vorkamen. So wurden die Tiere für eine Weile von Pferdekutschen zu Gehegen auf dem ehemaligen Landsitz von George Washington, Mount Vernon, in Virginia gebracht. Na logisch – wie könnte man institutionalisierte Tierquälerei an einer Tierart besser feiern, als noch eine andere leiden zu lassen? Die Vögel wurden also dorthin geschickt, bis im Sinne der geschichtlichen Genauigkeit entschieden wurde, dass die heute zu Nahrungszwecken genutzten Truthähne zu groß, zu krank und viel zu weit weg vom Erscheinungsbild der Truthähne seien, die zu George Washingtons Zeit dort gehalten wurden. Man empfand die Vögel also als zu unnatürlich, um sie ausstellen zu können, gegen den Verzehr solcher Tiere spricht aber offensichtlich nichts…

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Mittlerweile werden die Truthähne nach Morven Park in Virginia geschickt. Dort erhalten sie die umfassende Pflege und tierärztliche Versorgung, die nötig ist, um die Tiere am Leben zu halten. Und noch nicht einmal das gelingt sehr lange – die zur Fleischproduktion genutzten Truthähne wurden systematisch auf ein kurzes Leben gezüchtet.

Was passierte mit den Vögeln der letzten fünf Begnadigungen…

2010

Apple starb nicht einmal ein Jahr nach der Zeremonie.
Cider starb auch nicht einmal ein Jahr nach der Zeremonie.

2011

Peace wurde nicht einmal ein Jahr nach der Zeremonie eingeschläfert.
Liberty starb im Jahr 2013 mit 2 Jahren an Herzversagen.

2012

Gobbler starb nicht einmal ein Jahr nach der Zeremonie.
Cobbler wurde nicht einmal ein Jahr nach der Zeremonie eingeschläfert.

2013

Popcorn starb nicht einmal ein Jahr nach der Zeremonie an einem Hitzeschlag.
Caramel war einem Mitarbeiter des Morven Park zufolge wohl einer der ältesten begnadigten Truthähne, wie in einem Artikel vom Oktober 2015 berichtet wird. Im November 2015 war er tot.

2014 Cheese ist der einzige „begnadigte“ Truthahn, der aktuell noch am Leben ist. Als er in Morven Park ankam, konnte er nicht einmal laufen. Mac starb nicht einmal ein Jahr nach der Zeremonie.


Truthähne haben etwas Besseres verdient. Ihr könnt ihnen helfen.

Truthähne sind kluge, sensible Tiere. Sie glucksen zu Musik und lieben es, wenn man ihre Federn streichelt. Benjamin Franklin wollte, dass der Truthahn unser Nationaltier wird. Die Tiere verdienen Respekt – und nicht die präsidentielle Unterstützung ihres Leids. Fleisch steckt voller gesättigter Fettsäuren und Cholesterin und trägt damit zu den häufigsten Todesursachen in den USA bei: Herzkrankheiten und Schlaganfälle. Der Konsum von Fleisch schadet unserer Gesundheit und der Umwelt. Dem Worldwatch Institute zufolge, ist die tierische Landwirtschaft für mindestens 51 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Jedes Jahr werden in den USA allein für Thanksgiving 45 Millionen Truthähne getötet. Lassen wir das einmal sacken. Das sind mehr Truthähne als die gesamte menschliche Bevölkerung der drei größten Metropolregionen der USA (New York City/Newark, New Jersey; Los Angeles/Anaheim, Kalifornien und Chicago) zusammen.

Lasst uns Truthähne und andere Tiere tatsächlich „begnadigen“, indem wir die Nachfrage nach ihrem Fleisch senken. Ihr braucht noch ein paar Tipps? Meldet euch im kostenlosen Veganstart-Programm an!

 

Über den Autor

Anja

seit 2004 vegan und seit 2007 bei PETA Deutschland, hat sie schon europaweit Kampagnen, Demos und Infostände betreut. Sie freut sich über jeden, der durch seine Entscheidungen die Welt für die Tiere besser macht und liebt P!NK – als Künstlerin und als starke Stimme für Tierrechte.

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