Verschiedenes

Kann man eine moralische Grenze zwischen Menschen und Tieren ziehen?

Unser Praktikant Eric Jedzig erörtert in seinem Gastbeitrag, ob es eine moralische Grenze zwischen Tieren und Menschen gibt.

Manchmal, so wird argumentiert, ist es geboten Tiere zu Tierversuchen zu benutzen, wenn ein vernünftiger Grund vorliegt. Ein vernünftiger Grund ist nach einer solchen Auffassung dann gegeben, wenn durch den Tierversuch neue, medizinische Erkenntnisse erzielt werden können. Es wäre unverantwortbar dies an Menschen zu testen, deshalb müsse man Opfer bringen und Tiere dazu nutzen.

Offensichtlich basiert eine solche Argumentation auf der Annahme, dass Menschen ein höherer moralischer Status zukommt als Tieren und Menschen somit nicht für pharmazeutische Experimente benutzt werden dürfen. Mithilfe der Tierethik soll gefragt werden: Kann man wirklich eine klare moralische Grenze zwischen Mensch und Tier ziehen, um beispielsweise Tierversuche zu rechtfertigen?

Der amerikanische Philosoph Peter Carruthers gehört zu den wenigen Autoren in der gegenwärtigen Debatte der Tierethik, die eine solche moralische Grenze zu ziehen versuchen.

Die Ausgangslage ist vereinfacht dargestellt folgende:

Man stelle sich Mensch vor, die noch keinem Staat zugehören und sozusagen in der Wildnis leben. Sie wollen nun eine Gemeinschaft bilden, welche ihnen Schutz und Frieden sowie moralische Rechte wie Freiheit gewährleistet. Alle wollen größtmögliche Vorteile von diesem Zusammenschluss. Wenn aber nun eine Gruppe von Menschen mehr Rechte für sich beansprucht als die andere Gruppe von Menschen, würde die davon benachteiligte Gruppe das als ungerecht empfinden. Also haben alle Menschen, die den Zusammenschluss eingehen gleiche moralische Rechte und gleichen moralischen Status. Niemand darf den anderen zu seinen Zwecken ausnutzen oder ihm seiner Freiheit berauben.

Nun gibt es aber neben den Menschen, die die notwendigen Voraussetzungen für einen solchen Zusammenschluss mitbringen, etwa die dafür notwendige Rationalität, auch Menschen, denen diese Rationalität fehlt, wie Säuglinge, geistig Behinderte oder Demente. Und es gibt Tiere, die ebenso wenig am Zusammenschluss beteiligt sind.

Carruthers Ziel ist es nun zu zeigen, dass jene Menschen, die nicht am Vertragsschluss beteiligt waren, ebenso einen moralischen Status erhalten sollten. So liege es in der menschlichen Natur, dass („normale“) Menschen tiefe emotionale Bindungen zu ihren Kindern und ihren engen Verwandten führen. Würde man diesen nichtrationalen Menschen keinen moralischen Status zugestehen, würde dies zu einer sozialen Instabilität führen: Säuglinge oder Demente könnten zu schmerzhaften Experimenten benutzt werden, wenn es vorteilhaft für jene wäre, die am Zusammenschluss beteiligt waren und sich gleiche Rechte zugewiesen haben. Ihre engsten Verwandten würden sich gegen solche öffentlichen Ansprüche stellen und die soziale Stabilität wäre gefährdet, welche ja gerade das Ziel des Zusammenschlusses ist. Deshalb haben nach Carruthers alle Menschen, unabhängig ob sie rationale oder nichtrationale Wesen sind, einen moralischen Status.

Mit Tieren hingegen verhält es sich anders: Zu ihnen hat man keine natürlichen tiefen emotionalen Bindungen, weil diese sich auch kulturell entwickelt haben könnten. Folglich würde es nicht zu einer sozialen Instabilität kommen, weil sich Menschen nicht gegen Tierversuche auflehnen würden, oder falls doch, dann aus falschen moralischen Überzeugungen.

Was könnte man gegen eine solche Position einwenden? Zunächst könnte man mit Tom Regan fragen, ob eine Konzeption, in der Menschen auf Grundlage von Vereinbarungen eine moralische Gemeinschaft bilden, um soziale Stabilität zu gewährleisten, wirklich angemessen ist.

Mit Peter Singer soll das kurz demonstriert werden: Man kann davon ausgehen, dass Unterschiede der Fähigkeiten zwischen Tieren, Säuglingen, Dementen, geistig Behinderten und anderen nichtrationalen Wesen graduell sind, sich aber nicht wesentlich unterscheiden. Mehr oder weniger kommt allen die Fähigkeiten zu, sich zu freuen, zu lieben, Angst zu haben usw.. Wenn die Fähigkeiten von nichtrationalen Menschen und Tieren prinzipiell ähnlich sind, deren moralische Behandlung sich aber in dem Sinne unterscheidet, dass Menschen bevorzugt werden, weil man zu ihnen eine tiefere emotionale Bindung empfindet, so kann man von Speziesismus sprechen. Sowohl ein nichtrationaler Mensch und ein nichtrationales Tier haben beide ein Interesse daran, nicht für vermeintlich „nützliche“ Zwecke zu leiden (fairerweise muss man zugestehen, dass sich Carruthers diesem Problem bewusst ist, weswegen er die Ausbildung eines mitfühlenden Charakters fordert, welche Grausamkeit gegenüber Tieren verbietet; dies jedoch nur insofern, solange ein Tierversuch nicht als vernünftig angesehen wird). Wenn aber die Wahl für schmerzhafte Experimente immer auf das Tier fällt, weil es keinen moralischen Status hat und nichtrationale Menschen hingegen glücklicherweise verschont bleiben, weil sie einen moralischen Status haben, so heißt das mit anderen Worten: Man hat Pech gehabt, weil man als Tier geboren wurde und nicht als Mensch. Aus einer solchen Zufälligkeit, in welcher Gattung man geboren wurde, folgt eine moralisch unterschiedliche Behandlung. Das ist nach Singer genauso wenig zu rechtfertigen, wie Rassisten ihrer „Rasse“ und Sexisten ihrem Geschlecht moralisch den Vorzug geben, Grund dessen dass es ihre „Rasse“ und ihr Geschlecht ist. Gattung, „Rasse“ und Geschlecht sind drei Eigenschaften an einem Lebewesen, für das es selbst nicht verantwortlich ist.

Nur, weil Tiere keine Menschen sind, ist es nicht zulässig, sie anders zu behandeln, auch nicht für vermeintlich „vernünftige“ Zwecke. Dabei spielt es keine Rolle, zu wem man (von Natur aus) eine emotional tiefere Bindung hat. Tiere haben ein grundlegendes Interesse, ein schmerzfreies Leben zu führen und sich gemeinsam mit ihren Artgenossen an ausreichend Licht und Nahrung zu erfreuen. Es sind die grundlegenden Interessen, die Tiere mit Menschen teilen, sodass ein tierliches Leben ebenso wie ein menschliches Leben geachtet werden sollte.

Über den Autor

PETA Team

VeganBlog.de ist das Blog zum Thema Tierrechte und veganem Lifestyle von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.

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