Humanmediziner distanziert sich von eigener Doktorarbeit
Tierversuche

Humanmediziner distanziert sich von eigener Doktorarbeit

Ratte

Einar Göhring ist Humanmediziner. Er reichte 1975 seine Dissertationsschrift ein und erhielt Anfang 1976 seinen Doktorgrad. Seine Arbeit „Die Paraquatvergiftung“ wird bis heute zitiert und ist im Handel erhältlich. Im tierexperimentellen Rahmen der Arbeit wurden die Wirkungen des Herbizids Paraquat untersucht. In einem neuen Begleitwort bereut er nun, im Rahmen seiner Dissertation an Ratten geforscht zu haben. Warum er dies mit dem heutigen Stand seiner medizinischen und menschlichen Erfahrungen sowie der (hoffentlich eingetretenen) psychischen und ethischen Reife, wie es in der aktualisierten Auflage zu lesen ist, niemals wiederholen würde, berichtet er im Gespräch mit uns.

Gab es ein ausschlaggebendes Ereignis, das zur „späten Reue“ geführt hat?

Zuerst sollte die Arbeit nur layoutmäßig in ansprechendere Form gebracht werden. Bei der gründlichen nochmaligen Lektüre meiner damaligen Dissertationsschrift wurde ich nachdenklich, denn bei der Schilderung der einzelnen Schritte im Bereich „Toxikologie“ wurde ich auch mit den damaligen Methoden konfrontiert, mit denen die Tiere von mir vergiftet und teilweise auch getötet werden mussten (so sie nicht selbst verstarben), um an toxikologische und histologische „Ergebnisse“ zu kommen. Die sog. LD50 (Dosis, bei der 50 % der Versuchstiere nach der Anwendung sterben) war dabei eine scheinbar „unverzichtbare“ Größe, die es im Rahmen meiner Arbeit zu ermitteln galt. Dabei war sie im Grunde schon hinlänglich bestimmt, was ich aber erst im Laufe der Arbeit eruierte. Da ich dies zu Beginn meiner Doktorarbeit noch nicht im Detail wissen konnte (ein großer Teil einer Dissertation besteht ja im mühsamen Zusammensuchen relevanter Veröffentlichungen, was ja zu damaligen Zeiten ein kontinuierlicher Prozess war; mit den heutigen digitalen Möglichkeiten und dem ad-hoc-Zugriff auf Datenbanken wäre dies wohl anders verlaufen), musste dieser Schritt aus „wissenschaftlichen“ Gründen durchgeführt werden – war aber in der Rückschau unnötig. Dies begründet meine „späte Reue“ über diesen Teil der Arbeit: die letztlich sinnlose und nochmalige Bestimmung der LD50, die aber aus „wissenschaftlicher“ Sicht fast immer Teil einer toxikologischen Untersuchung einer noch nicht oder noch nicht ausreichend erforschten Substanz ist.

Unterscheidet sich der Wissenschaftsbetrieb heutzutage von den damaligen Praktiken?

Soweit ich den heutigen (biologischen) Wissenschaftsbetrieb (er hat sich ja seit meiner damaligen Arbeit erheblich aufgefächert und ist um viele Methoden – wie etwa die Gentechnik – erweitert worden) beurteilen kann, müssten Tierversuche heute wohl nicht mehr in dem Umfang wie noch vor 40 oder 50 Jahren durchgeführt werden. Denn die heutigen erheblich diffizileren Untersuchungsmöglichkeiten (z.B. pathologisch-toxikologische Untersuchungen), wo inzwischen die Sensibilität von Messmethoden um den Faktor x [geschätzt 10-1000 – je nach Methodik -] zugenommen hat, erlaubten einen deutlich geringeren Einsatz von Versuchstieren. So lange die berüchtigte LD50 als Referenzgröße als unverzichtbar eingestuft wird, ist ein Ersatz dieser Größe durch andere/gleichwertige Größen (leider) kaum möglich. Es ist natürlich bedauerlich, dass sich die biologischen Wissenschaften noch keine Gedanken über etwaige Ersatzgrößen gemacht haben.

Wie haben Sie es geschafft, in Ihrer weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit den Tierversuch, der ja in vielen Fällen fast schon verpflichtend ist, zu umgehen?

Mit dem Abschluss meiner Doktorarbeit wurde ich zunächst nicht mehr mit der Frage von Tierversuchen konfrontiert, da ich eine medizinische Laufbahn bzw. ärztliche Tätigkeit außerhalb eines Forschungsbereichs einschlagen wollte, erfolgte eine weitere Konfrontation mit Tierversuchen daher zwangsläufig nicht. Ein indirekter Kontakt dazu ergab sich allerdings folgendermaßen:

In den ersten Jahren nach meiner medizinischen Ausbildung hatte ich zwar noch mit dem Gedanken gespielt, einen Ausflug in die medizinische Physiologie zu machen, da ich dieses Fachgebiet während meiner studentischen Ausbildung faszinierend fand. Als ich mit dem damaligen Chef am Physiologischen Institut der Universität Göttingen ein Vorstellungsgespräch führte, stellte sich heraus, dass ich auch bei Versuchsreihen mit Affen eingesetzt werden könnte. Damit war für mich die Entscheidung klar: Am nächsten Tag sagte ich eine Mitarbeit ab, denn mir schwebten die unsäglichen Bilder mit fixierten Affen und implantierten Schädelelektroden vor Augen. Hier medizinisch-wissenschaftlich tätig zu werden, das war ausgeschlossen. Ebenso fand ich während meiner damaligen Studentenzeit in Göttingen die Neueröffnung des Deutschen Primatenzentrums mit dem alleinigen Zweck der Forschung an hoch entwickelten Wesen schwer erträglich; ich wunderte mich damals über die geringen, wenn überhaupt wahrnehmbaren Proteste gegen die Installation eines solchen Betriebs, der dann auch leider stattfand. Und auch heute noch unsere Artverwandten quält.

Ich finde in diesem Zusammenhang den alttestamentarischen Bibelspruch „Macht euch die Erde untertan!“ schwer verdaulich und bin froh, dass eine der großen Kirchen sich zu einer zeitgemäßen Auslegung durchringen konnte. So hat Papst Franziskus 2015 eine Neuinterpretation versucht, indem er diesen (fehlübersetzten?) Spruch in „Macht euch der Erde untertan“ umformulierte. Immerhin – denn dieser ursprüngliche „Befehl“ stammt letztlich aus Menschenhand und wurde möglicherweise „frei“ (und/oder falsch) übersetzt.

Sie sprechen in Ihrem Nachtrag auch von „Tierverbrauch“. Wie stehen Sie zum Tierverbrauch in Sektionskursen, die an vielen Universitäten heute noch vorgeschrieben sind?

Wie ich schon ausführte, könnten bei ernsthafteren Bemühungen, althergebrachte Methoden in der Wissenschaft durch modernere zu ersetzen, Zahl und Umfang von Tierversuchen erheblich reduziert werden. Alleine die Trägheit und Bequemlichkeit – die sich ja nicht aus der Wissenschaft ableitet, sondern dem Menschen eigen ist -, alternative Verfahren in der biologischen Forschung einzusetzen, wird an den bestehenden „alten“ Universitäten mit ihren langen Traditionen („wir haben das schon immer so gemacht“) langsamer zum Einsatz von Methoden – führen, als dies heute schon möglich wäre. Alleine die digitalen/visuellen Möglichkeiten inklusive 3D-Darstellung (Beispiel: VR-Brillen) könnten hier eine echte Alternative zu realen Sektionen bieten. Dies liefe auf die massive Minderung des „Tierverbrauchs“ hinaus.

Was Ihr tun könnt

Seine Einstellung gegenüber Ratten und auch allen übrigen tierischen Lebewesen hat sich grundlegend geändert. Aus heutiger Sicht würde er es nicht mehr übers Herz bringen, so kluge (und, je nach Betrachtungsweise, auch schöne) Säugetiere für eine »wissenschaftliche« Arbeit zu opfern, die dem Zweck dient, einem Arzt akademische Weihen in Form eines Doktorgrades zu verleihen.

Er bedauert daher aus heutiger Sicht, das damalige Thema so akzeptiert und behandelt zu haben. Der Erkenntnisgewinn für die medizinische Wissenschaft ist nach seiner heutigen Einschätzung marginal, das Quälen und Töten (Opfern) der vielen Tiere war überflüssig.

Diese Abätze stammen aus dem Nachtrag von „Die Paraquatvergiftung“. Wenn ihr also gerade in dieser Situation seid, informiert euch und setzt euch für Alternativmethoden ein bzw. helft diese durchzusetzen. Hinweise gibt es auf Studieren-ohne-Tierversuche oder dem PETA International Science Consortium. Ihr habt die Möglichkeit Dinge zum Positiven für Mensch und Tier zu verändern.

Über den Autor

Anja

seit 2004 vegan und seit 2007 bei PETA Deutschland, hat sie schon europaweit Kampagnen, Demos und Infostände betreut. Sie freut sich über jeden, der durch seine Entscheidungen die Welt für die Tiere besser macht und liebt P!NK – als Künstlerin und als starke Stimme für Tierrechte.

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