Haustiere

Qualzucht aus Sicht einer angehenden Tierärztin

Qualzucht Hund Tuerkei

Blauäugig, wie ich damals mit meinen 18 Jahren noch war, dachte ich, das Arbeiten beim Tierarzt ist ein Arbeiten unter Gleichgesinnten. Wie falsch ich mit meiner Hoffnung lag, wurde noch direkt an dem ersten Tag meiner Ausbildung zur tiermedizinischen Fachangestellten deutlich.

Aufgewachsen bin ich in einer sehr tierlieben Familie, in der die eigene Mutti im Tierheim arbeitet und wir zu Hause deshalb fast eine Zweigstelle des Tierheims haben. Deshalb sog ich den Tierschutz quasi mit der Muttermilch auf.
Wenn es also für jemanden selbstverständlich ist, niemals einen Züchter zu unterstützen, tierische Produkte abzulehnen und sich gegen die Jagd auszusprechen, dann lass gesagt sein:

„Deinen Traumberuf findest du beim Tierarzt definitiv nicht!“

Speziesismus hat in der Praxis nämlich viele Gesichter: Sei es nun die einzige Vegetarierin und später Veganerin in einem über 30-köpfigem Team zu sein, oder das Züchten von Hunden und Katzen in den eigenen Reihen des Klinikpersonals.

Qualzucht unter den Tierärzten

Vor allem der Standpunkt gegenüber Züchtern ging mir nicht in den Kopf. Als große, namenhafte Klinik im Süden Deutschlands waren wir Tag für Tag letzte Anlaufstelle für viele verzweifelte Tierbesitzer. Und wie so oft wurden die Leiden der Tiere oft hervorgerufen durch Überzüchtungen bzw. Qualzuchten.
Dass dann einige meiner Kollegen tatsächlich Möpse und Schäferhunde züchten, die wohl DAS Paradebeispiel für kranke Hunde sind und es gerade Schäferhunde in Tierheimen wie Sand am Meer gibt, ist paradox und zeigt wieder einmal, dass viele Menschen aus Tieren einfach nur Profit ziehen wollen.

Bulldogge aus Qualzucht beim Tierarzt
© Kleintierpraxis Rückert

Was ist eigentlich eine Qualzucht?

“Als Qualzucht wird bezeichnet, wenn bei Wirbeltieren die durch Zucht geförderten oder geduldeten Merkmalsausprägungen (Körperform, Haarkleid, Leistungs- oder Verhaltensmerkmale etc.) zu Minderleistungen bei den Tieren bzw. ihren Nachkommen führen und sich in züchtungsbedingten morphologischen und/oder physiologischen Veränderungen oder Verhaltensstörungen äußern, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für die Tiere verbunden sind.“

laut der Definition des Tierschutzbundes.

Qualzucht ist üblicherweise reserviert für sogenannte „Kofferraumhunde“, die für sehr wenig Geld an deutschen Grenzen direkt aus dem Kofferraum verkauft werden und fehlende oder gefälschte Papiere und Impfpässe besitzen. Oft sind die Tiere dabei noch keine sechs Wochen alt, obwohl sie bis zur achten Woche bei der Mutter verbleiben sollten. Überzüchtungen sind außerdem auch oft bei Internetportalen anzutreffen, wo angebliche Rassehunde ebenfalls für den Bruchteil des Geldes verkauft werden, die ein anderer Züchter verlangen würde.
Aus meinem Klinikalltag habe ich leider viele Fälle von kranken Tieren auf Grund von Überzüchtungen erlebt, hier ein paar Beispiele:

Die drohenden Gefahren und brutalen Eingriffe bei den Hunden

Unzählige Tierbesitzer kommen in Tierkliniken um das Rundumsorglos-Paket für ihre „Plattnase“ zu beanspruchen. Je nach Bedarf enthält das Paket also: Erweitern der Nasenlöcher, Entfernung der Nasenmuscheln, Straffung und Kürzung des Gaumensegels, sowie das Entfernen der Stimmtaschen. Klingt brutal? Ist es auch. Aber hey, was nicht passt, wird passend gemacht! Aus dem vermeintlichen Schnäppchen, welches man mit einem Billigwelpen gemacht hat, wird dann doch eine große Investition, wenn man für das Mopspaket einige Hunderte bis Tausend Euro zahlt.
Die zahlreichen Beansprucher des Pakets haben sich auch immer schon speziell angekündigt.

„Klingt brutal? Ist es auch.“

Termine gehen prinzipiell nicht im Sommer. Im Früh- und Spätjahr dann entweder nur ganz früh oder ganz spät, denn sobald es draußen über 20°C hat, können viele Möpse, Franz. Bulldoggen und Co. nur noch unter Gefahr das Haus verlassen. Drohen kann nämlich ein Kreislauf-Kollaps bei zu hohen Temperaturen auf Grund der mangelnden Luftzufuhr. Sind die Leute dann zu ihrem Termin gekommen, war eine Anmeldung fast nicht mehr notwendig. Das Geschnarche des Hundes war meist so laut, dass Worte überflüssig waren und man es dem armen Vierbeiner schon angesehen hat, weshalb er da ist. Lebensgefühl sieht anders aus. Als Besitzerin eines Mops-Pekinese-Mischlings und einer französischen Bulldogge aus dem Tierheim, die zum Glück beide mit einer langen Schnauze gesegnet sind, weiß ich, was das eigentlich für kleine Energiebündel sind.
Die Narkose spielt bei Operationen selbstverständlich eine zentrale Rolle. Dass die Hunde mit einem höheren Narkoserisiko leben müssen, ist mittlerweile wohl selbstverständlich.
Habt ihr den Artikel ‚Hunde die ihren Tubus lieben‘ von der Kleintierpraxis Ralph Rückert gelesen? Dem kann ich leider nur zustimmen. Zu sehen, dass die Plattnasen vermutlich zum ersten Mal frei Luft bekommen und den Tubus deshalb nicht, wie jede andere Hunderasse, loswerden wollen, bricht einem fast das Herz.

Leiden für die Niedlichkeit

Und warum dieser ganze Mist? Weil das Kindchenschema so süß ist! Riesige Kulleraugen und Stupsnasen sind doch so goldig. Egal ob das nun unsere brachycephalen Freunde sind, oder doch Hunde und Katzen, die tatsächlich noch Schnauze besitzen – der Trend geht dazu, immer kleinere Haustiere zu haben. Aber ist ja verständlich, wer wollte nicht schon immer einen Chihuahua haben, der mit seinen 1,5 kg eine Teetasse zur Hälfte ausfüllt. Und das ist das Stichwort: „Teacup“.

So funktionieren Qualzuchten

Teacup-Pudel, -Pomeranian etc. Und wie erhält man so etwas? Ganz einfach! Man nehme zwei minderentwickelte Elterntiere und erhält noch unterentwickelteren Nachwuchs. Kostenlos dazu erhält man dann meist eine Fülle von Krankheiten: Augenprobleme (ich habe des Öfteren schon hervor ploppende Augäpfel gesehen, weil der Druck im Kopf so groß ist. Denn das Gehirn schrumpft bei kleineren Züchtungen natürlich nicht mit), angeborene Wasserköpfe, Gelenkerkrankungen, eine kürzere Lebenserwartung und vieles mehr.
Natürlich kann das Extrem auch in die andere Richtung gehen.

Leiden für die Auffälligkeit

Größer, besser, schwerer. Wenn man sich schon einen irischen Wolfshund, eine Dogge oder einen Mastiff holt, dann soll er auch auffallen. Mit Spitzengewichten bis zu 100kg sind diese Hunde oft wandelnde Baustellen. Kaputte Schulter-, Ellenbogen-, Knie-, und Hüftgelenke und eine Lebenserwartung von meist nicht mehr als 7 Jahren sind viel zu oft die Prognose.
Paradox finde ich auch immer wieder die Einstellung gegenüber Narkosen. Jeder Tierarzt rät selbstverständlich von jeder Narkose ab, die man vermeiden kann. Viel zu hoch ist die Gefahr für ein Herz-Kreislauf-Versagen. Für die Zucht ist es aber natürlich unerlässlich. Perfekte Röntgenbilder erhält man laut den Zuchtvereinen eben nur unter einer Narkose. Diese wird dann selbstverständlich angenommen, um ein paar Bilder von Gelenken zu erhalten, nur um zu wissen, wie „gut“ das eigene Tier ist.

Nicht perfekt? Einschläfern!

Als ich dann erfahren habe, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass man Welpen in Praxen und Kliniken eingeschläfert hat, nur weil sie 5cm zu klein sind oder die Ohren nicht im richtigen Winkel abstehen, schämte ich mich, wie so oft, ein Mensch zu sein.

Qualzucht nicht nur bei Hunden

Auch ein Phänomen, was man immer öfter, vor allem auch im Internet, zu Gesicht bekommt: Nacktkatzen. Zugegeben, die Katzen sehen ja interessant aus und es fühlt sich schön an, über ihre Haut zu streicheln. Aber man muss einen Teil des gesunden Menschenverstands verloren haben, wenn man sich beim Züchter so eine Katze holt. Die perverse Abartigkeit der Menschen spiegelt sich für mich persönlich in diesen Tieren wieder. Hauptsache ausgefallen; Hauptsache anders, ohne Rücksicht auf Verluste.

Immerhin ist es mittlerweile zwar verboten, die Katzen ohne Tasthaare zu züchten. Aber mal ehrlich: wer kommt denn auf die Idee Katzen ohne Fell zu züchten? Nachdem viele Katzenrassen auch keinen Schwanz besitzen, frage ich mich ernsthaft, was als nächstes kommt. Vielleicht Katzen ohne Beine? Irgendwie muss man doch noch einmal eins draufsetzen.

Vermutlich bin ich mit der Überlegung aber auch gar nicht so falsch, immerhin gibt es ja schon den Ansatz mit Munchkins, also Katzen mit Dackelbeinen. Zum Glück sind die aber noch nicht so verbreitet.

Nacktkatze
© Alexandra Draghici

Ich könnte wohl noch hunderte Beispiele aus dem Klinikalltag nennen, aber im Grunde besagen sie alle das Gleiche: Beim Streben nach „Perfektion“ wird keine Rücksicht auf Verluste genommen. Hunde oder Katzen, die sich von der Mehrheit abheben, sind oft Mittel zum Zweck für den persönlichen Geltungsbedarf mancher Menschen.

Adopt, don’t shop!

Was möchte ich also sagen? Adopt, don’t shop! Spread the message! Die Tierheime, egal ob die heimischen oder die ausländischen, quellen über vor Tieren, die ein liebevolles Zuhause suchen.
Die Argumente um sich einen Hund vom Züchter zu holen sind meist die Gleichen: Es muss ein Welpe sein oder man möchte mit dem Trend gehen und sich einen Modehund. Diese Argumente sind nichtig, denn man findet jede erdenkliche Hunderasse ab Welpenalter im Tierheim! Leider wissen viel zu wenig Menschen, dass Tierheimtiere (ganz egal ob Rassetier oder neugeborener Welpe) in vielen ausländischen Tierheimen, wie zum Beispiel in Frankreich, Spanien, Rumänien etc. nach Verstreichen eines festgesetzten Zeitfensters, euthanasiert werden. Mit jedem Kauf eines Rassetiers beim Züchter, unterstützt man also passiv das Elend in Tierheimen.

Natürlich heißt das nicht, dass Mischlinge frei von Gelenkerkrankungen oder anderen Krankheitsbildern sind. Andersherum ist nicht jede Zucht automatisch eine Qualzucht. Aber immerhin gibt man Tieren mit der Adoption eine zweite Chance auf ein liebevolles Zuhause.

Über den Autor

PETA Team

VeganBlog.de ist das Blog zum Thema Tierrechte und veganem Lifestyle von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.

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