Ernährung

Warum Haie unsere Unterstützung brauchen – Ein Gastblog von dem Meeresbiologen Tom Vierus

Hai im Meer von Tom Vierus

Es ist mittlerweile knapp fünf Jahre her, dass ich, Tom Vierus, meinem ersten in freier Natur lebenden Hai begegnete. Zusammen mit anderen Studenten schnorchelte ich im Rahmen einer biologischen Exkursion an der Küste Floridas, als wir Besuch von einem ca. 2,5 m großen Hammerhai bekamen. Auch wenn die Begegnung nur wenige Minuten dauerte, hat es mein Leben entscheiden verändert und meinen weiteren Weg stark beeinflusst. Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, Haie zu studieren und zu fotografieren und die gängigen und mantraartig wiederholten Vorurteile gegenüber dieser äußerst diversen Tiergruppen sind relativ schnell den oft traurigen Fakten gewichen.

Überfischung, Habitatzerstörung und Meeresverschmutzung

Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 100 Millionen Haie pro Jahr getötet werden, das sind 270.000 pro Tag! Diese Zahl ist viel zu hoch, denn Haie reproduzieren sich nur sehr langsam. Sie gehören zu den sogenannten K-Strategen (genau wie wir Menschen), d.h. sie weisen einen späten Fortpflanzungsbeginn auf, haben lange Tragzeiten (der Dornhai bis zu zwei Jahren!), bekommen wenige Jungtiere und haben in der Regel lange Lebenspannen und wenige natürliche Fressfeinde. All diese Eigenschaften machen sie besonders anfällig für die menschgemachte Überfischung. Zusätzlich macht die zunehmende Meeresverschmutzung und Habitatzerstörung den Haien (und anderen Meeresbewohnern) stark zu schaffen. Die fortschreitende Entwicklung von Küstengebieten in allen Teilen der Welt sorgt auch dafür, dass wertvolle Kinderstuben und Futtergebiete zerstört werden. Mittlerweile hat die konsequente Überfischung von Haien, ob gezielt oder als Beifang, dazu geführt, dass mindestens 74 Haiarten von der Weltnaturschutzunion IUCN als ‚vom Aussterben bedroht“ klassifiziert werden.

Was ist Finning?

Beschreibung Finning

Haie als wichtige Bausteine im Ökosystem Meer

Die ersten Haie tauchten vor über 400 Millionen Jahren in den Weltmeeren auf, lange vor den ersten Dinosauriern. Sie haben die Ozeane entscheidend mitgestaltet und zu dem gemacht, was sie heute sind. Während es unmöglich ist, die fast 500 Arten unter einen Hut zu bekommen, sind viele Haiarten an der Spitze der Nahrungskette angesiedelt und übernehmen wichtige Aufgaben im Ökosystem Meer. Sie entfernen kranke und schwache Tiere und halten somit den Genpool aufrecht und verhindern das Ausbreiten von Krankheiten im Meer. Man kann Sie also vereinfacht auch als „Meerespolizei“ bezeichnen.

Die rechtliche Lage und das Imageproblem der Haie

Foto von Tom Vierus

Haie haben definitiv ein Imageproblem: obwohl jedes Jahr weitaus mehr Menschen an zum Beispiel Hauskatzenbissen, Pferdetritten, fallenden Kokosnüssen, Nilpferden und sogar durch Mücken übertragbare Krankheiten sterben, und „nur“ ca. 5-10 Menschen jährlich durch Haiattacken ums Leben kommen, werden Haie oft als kopflose und menschenfressende Bestien porträtiert. Das fehlende Interesse an Haien und die fehlende Hai-Lobby in der Bevölkerung haben dazu geführt, dass es in den meisten Fischereinationen sehr wenige Fischereiregularien in Bezug auf Haie gibt.

Erfolge gibt es dennoch zu verbuchen: verschiedene Inselstaaten haben innerhalb der letzten 15 Jahre ihre Territorien oder Teile derselben zu Haifang-freien Zonen ausgewiesen (zum Beispiel die Bahamas, Palau, Cook Inseln, Französisch-Polynesien oder der Galapagos National Park) und auch regionale Fischereipläne wurden und werden adoptiert, in denen Haie eine höhere Priorität erhalten. Eine solcher Regularien ist zum Beispiel das Verbot Flossen anzulanden, die nicht mehr am Körper des Hais sind (das soll dem sogenannten Finning vorbeugen, siehe oben). Auch bei den CITES Konferenzen, bei denen der internationale Handel von geschützten Arten geregelt wird, geht es zunehmend auch um Haie. Erstmals wurden 2003 zwei Haiarten (Walhaie und Riesenhaie) in die CITES Liste aufgenommen. Zwei Jahre später (2005) folgte dann der weiße Hai, 2013 schließlich drei Hammerhaiarten, sowie Weißspitzenhochsee Haie und Heringshaie und letztes Jahr im Oktober 2016 wurden Seidenhaie und Fuchshaie aufgenommen – ein Erfolg, der jahrelangen Kampagnen verschiedenerer Organisationen zu verdanken ist. Allerdings gibt es noch immer viel zu tun: mehr Meereschutzgebiete müssen eingerichtet, weitere Haiarten geschützt und bessere Fischereigesetze in Bezug auf Haie eingeführt werden.

Hai und Fische von Tom Vierus

Haitourismus als eine Alternative zur Befischung

Eine zunehmend an Popularität gewinnende Alternative zur Fischerei ist der Haitourismus. Dabei wird den Haien ein finanzieller Wert außerhalb der Fischerei zugeschrieben, was eine win-win Situation für Mensch und Tier als Folge haben kann. In verschiedenen Ländern werden mittlerweile Haitauchgänge angeboten, für die Taucher aus der ganzen Welt viel Geld bezahlen. Dieses Geld fließt im Idealfall in die lokale Ökonomie, Arbeitsplätze werden kreiert und auch das Geschäft rund um das Tauchbusiness (Hotels, Restaurants) wird angekurbelt. Gleichzeitig bleiben die Haie am Leben, da sie lebend deutlich mehr Geld kreieren, als einmal als toter Hai auf dem Fischmarkt. Auch wenn der Haitourismus noch wenig erforscht ist und durchaus kontrovers diskutiert wird, bietet er große Chancen. Voraussetzungen dafür sind zum einen die Zielsetzung, wissenschaftliche Studien zu ermöglichen und zu unterstützen, den Hai Schutz aktiv voranzutreiben und besuchende Touristen über Haie aufzuklären. Im Angesicht der unvorstellbar hohen jährlichen Fangzahlen, bietet der nachhaltige Ökotourismus Möglichkeiten die breite Öffentlichkeit aufzuklären und lokal große positive Unterschiede zu erschaffen.

Tom Vierus im Meer

Haie brauchen unsere Hilfe

In den letzten Jahren konnte man beobachten, dass das Bewusstsein der Bevölkerung und Entscheidungsträgern gegenüber Haien gewachsen ist. Neben der üblichen „böse Haie PR“ gibt es immer wieder fantastische Beiträge, die die Schönheit von Haien, ihre unglaublichen Eigenschaften und ihre Wichtigkeit in den Ozeanen diskutieren und verbreiten. Es gibt allerdings noch viel zu tun!

Haifleisch wird in jedem Land der Welt konsumiert und während viele Menschen in tropischen Regionen vom (nachhaltigen) Fischfang leben, so ist es den meisten von uns Europäern und anderer Industriestaatenbewohner möglich, eine Wahl beim Konsumverhalten zu treffen. Daher Finger weg von Haiprodukten! Die Nachfrage bestimmt den Markt und damit auch die riesigen industriellen Fischfangflotten.

Die Europäische Union hat 2012 beschlossen, dass Haie nur noch mit intakten Flossen angelandet werden dürfen. Solche Beschlüsse sind gut und wichtig, allerdings fehlen sie noch vielerorts und ihre Einhaltung und Durchsetzung ist schwierig und kostspielig.

Wer Haien helfen möchte, kann zum einen Organisationen beitreten die sich für Haischutz einsetzen und zum anderen die Industrie nicht unterstützen, indem man Haiprodukte boykottiert. Zu guter Letzt ist es wichtig, Informationen und Fakten über Haie an Freunde und Verwandte zu verbreiten, damit Haie das Image des „Killerhais“ loswerden und für das bestaunt werden was sie sind: Faszinierende Raubtiere, die für das Gleichgewicht der Ozeane absolut notwendig sind.

Zwei Haie im Meer Foto von Tom Vierus

Über den Autor Tom Vierus

Portrait von Tom Vierus

Tom Vierus ist Fotograf und Meeresbiologe und hat 2016 den Deutschen Preis für Wissenschaftsfotografie für die Dokumentation seiner Haiforschungen erhalten. Seine Bilder und Artikel sind in vielen nationalen und internationalen Magazinen erschienen. Wer mehr über Toms Arbeit erfahren möchte, kann seinen Blog www.livingdreams.tv oder seine Seite www.tomvierus.com besuchen, und ihm bei Facebook und Instagram folgen.

 

 

 

Über den Autor

Tanja

Tanja hat in Deutschland und Frankreich Zoologie und Meeresbiologie studiert und sich in ihrem Studium und in ihrer Freizeit viel mit Fischen beschäftigt. Getreu dem Motto: Fische sind Freunde, kein Essen - setzt sie sich seit Jahren dafür ein, dass Fische in Ruhe gelassen werden und nicht mehr auf unseren Tellern landen.

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