Ernährung

Gastbeitrag von Marsili Cronberg: Veggiedaygekasper

Jetzt schreien sie wieder ganz laut auf, die Verteidiger der Freiheit und der demokratischen Grundwerte. Die Grünen wollen doch tatsächlich den rechtschaffenen Bürgern unseres Landes für einen Tag in der Woche die wohlverdiente Bratwurst vom Teller stibitzen.

Nun schreien sie auf, die Bewahrer der Grundrechte, die Freiheitlichen, die Liberalen, die Wohlstandsbewahrer und das Geschrei ist zehnmal lauter als der Aufschrei in der NSA-Abhöraffäre. Hier geht’s schließlich um was wirklich wichtiges, hier geht es um unser Schnitzel einmal in der Woche in Kantinen. Da passt es natürlich, dass man jetzt mal wieder draufhauen kann auf die ganzen verhassten Ökos, die Fundis, die Grünen. Und macht es nicht auch ungeheuer viel Spaß, ein lieb gewonnenes Feindbild zu polieren? Viel mehr Spaß jedenfalls, als mal wieder die Augen aufzumachen und zu sehen, was wirklich so geschieht in der Welt.

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Cordon bleu – vegan & ohne Tier

Dabei gebe ich den Aufrechten im Sturm gegen die Ökodiktatur durchaus Recht. Ich selbst halte es nämlich für den falschen Weg, einen Tag in der Woche in Kantinen die armen Unterdrückten gegen ihren Willen hungern zu lassen. Was wäre die Folge? Setzen sich die Gerechten dann wirklich mal mit der Frage auseinander, warum die Grünen Fleischverzicht für sinnvoller halten als so manch anderen Aktivismus gegen Klimawandel und Welthunger? Fragen sich die Redlichen dann einmal, warum Millionen Menschen bereits Tiere ganz vom Teller verbannt haben und trotzdem nicht vom Hocker fallen?

Nein. Ich fürchte, dass nur neue Fronten aufgebaut werden in einem Konflikt, den wir schon lange nicht mehr brauchen. Jeder muss selbst frei entscheiden können, was er isst. Keiner darf gezwungen werden. Und wenn es auch noch so schwer fällt.

Wie wäre es stattdessen, Kantinen und Restaurants zu verpflichten, mindestens zwei komplett tierfreie Gerichte auf der Karte zu haben? Es ist einfach nur traurig, dass man in einem Land, in dem vegane Ernährung inzwischen selbstverständlich ist und Supermärkte voll sind mit entsprechenden Produkten, in den meisten Restaurants, in den meisten Kantinen und Schulen nach wie vor komisch angesehen wird bei der Frage, ob es irgendein Essen ohne Tier gibt. Oder wie wäre es, wenn auch mal die Bahn dazu gebracht wird, in ihren Restaurants endlich endlich mal ein tierfreies Essen anzubieten? So hätte jeder Bürger dieses Landes die freie Wahl, unabhängig vom Wochentag zu entscheiden, ob er Tier essen will oder ob nicht.

Und wie wäre es, die Aufklärung weiter ganz massiv voranzutreiben? Der freie Bürger muss schließlich wissen, was die Konsequenzen seiner freien Wahl sind. Die allermeisten wissen es eben noch nicht, denn sonst wäre das Geschrei nicht so groß. Und ein Herr Steinbrück würde den Vorschlag der Grünen dann auch nicht mehr abtun als Nebensächlichkeit.

Wenn die freien Bürger die Zusammenhänge zwischen Welthunger, Umweltzerstörung und Fleischkonsum verstehen würden, wenn sie ganz genau wissen würden, wie viel Regenwald für das tägliche Schnitzel gerodet werden musste und wie vielen Menschen in anderen Teilen der Welt die pflanzliche Nahrung entzogen wird, damit das Schwein schön fett wird bei uns, wie viele würden dann aufhören zu schreien?

HofButenland_Kuh05_2011-10Solange wir aber eine Verbraucherministerin haben, die erzählt, dass heufressende Kühe laktosefreie Milch geben, solange wir eine Verbraucherministerin haben, die einen Fischtag als vegetarische Alternative bezeichnet, solange wir eine Verbraucherministerin haben, die die Massentierhaltung mit aller Kraft fördert, müssen wir davon ausgehen, dass selbst in der Politik noch die absolute Ahnungslosigkeit dominiert. Bei der Aufklärung muss angesetzt werden, nicht bei der Beschneidung von Freiheiten.

Die Grünen haben sich in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren nicht mit Ruhm bekleckert. Zum Glück haben sie eine Jugend, die längst erkannt hat, wie die Zeichen der Zeit stehen und die nun von unten ganz vehement nach oben drückt und ihren Spitzen Dampf unter dem Kessel macht. Die Bekämpfung der Massentierhaltung muss nun endlich auf die Tagesordnung der Regierung. Subventionen müssen abgeschmolzen und die Bevölkerung aufgeklärt werden.

Es ist verständlich, dass die alten Spitzen der Grünen sich etwas ungeschickt dabei anstellen, dieses lange Zeit für sie selbst lästige Thema in die Öffentlichkeit zu tragen und somit einen Teil der Bevölkerung gegen sich und die Veganer aufbringen. Auch wenn dabei noch viele Missverständnisse im Spiel sind: dieses Ringen gegen eine fest verzahnte und mächtige Industrie kann nur MIT den Menschen geführt werden und nicht GEGEN sie. Deshalb müssen wir auch ihre Sprache sprechen und nicht von oben auf sie herab.

Viele der Grünen an der Basis haben begriffen, dass wir in einer ganz entscheidenden Zeit leben. Es wird nun auch Zeit, dass die Worte und Taten besonnener und gezielter werden.

Hoffen wir, dass es bis zur Bundestagswahl gelingt, die Weichen richtig zu stellen. Vier weitere Jahre Landwirtschaftsministeramt in Geiselhaft der CSU hält doch nun wirklich kein Mensch mehr aus …

Über den Autor

PETA Team

VeganBlog.de ist das Blog zum Thema Tierrechte und veganem Lifestyle von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.

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