Ernährung

Was kein Schwein interessiert

Gastbeitrag von Mandy Rutkowski

Stephan L. lebt von Fleisch. Jährlich mästet er rund 1.900 Schweine in einer konventionellen Mast auf seinem Hof. Vier Monate werden die Tiere dort gehalten, bis sie zur Schlachtung bereit sind. Einblicke in ein Leben im Dunkeln.

Der Raum ist in Dunkelheit und Stille gehüllt. Eine Neonröhre mit schwachem Licht lässt Holzdielen auf dem Boden erkennen. Stephan L. betritt den Raum. Der Gestank von Exkrementen umhüllt ihn. Er ist beißend und dominiert jeden anderen Geruch. Die Stille wird durchbrochen. Das Scharren auf Holzdielen, schnelle unregelmäßige Atemzüge, leises Quieken. Bewegung. Und dann: Ein lautes gleichmäßiges Röcheln. Es hallt an den Wänden wider und übertönt jedes andere Geräusch in dem Raum. „Da hat einer Husten“, sagt L. und knipst den Lichtschalter an. Er steht inmitten eines Raumes von rund 50 m² mit niedrigen gefliesten Wänden und einem schmalen Gang in der Mitte, den links und rechts Stahlgitter säumen. Sie teilen beide Seiten des Raumes in jeweils drei gleich große Buchten. Das Röcheln wird leiser, als hätten den Verursacher seine Kräfte verlassen.

190 Euro für ein Leben

Stephan L. wohnt mit seiner Familie in einer Gemeinde im Nordosten Nordrhein-Westfalens. 14.000 Einwohner nennen diesen idyllischen Ort zwischen Wiesen und Wäldern ihr Zuhause. Der Landwirt betreibt hier einen Hof in der dritten Generation, auf dem er Pferde, Gänse, Ziegen und Hühner hält. Es ist ein Bauernhof, wie er im Buche steht. Oft sind Schulklassen oder Familien zu Besuch, um ein Wochenende auf dem Hof zu verbringen. Für sie ist es ein Ort der Entspannung und die Möglichkeit Zeit mit Mensch und Tier zu verbringen. Doch nicht nur Menschen kommen und gehen. 1.800 bis 1.900 Schweine verbringen jährlich bis zu vier Monate auf dem Hof. Für sie ist es kein Urlaub, sondern nur ein Zwischenstopp, bevor sie sterben. Seit acht Jahren betreibt Landwirt Stephan L. eine konventionelle Schweinemast auf seinem Gut. Rund 640 Schweine werden ihm jeweils drei Mal jährlich geliefert, die er in zwei Ställen mästet und anschließend verkauft. An guten Tagen erhält er für ein Schwein bis zu 190 Euro.

Bei der Ankunft auf dem Hof sind die Schweine noch Ferkel. Drei Monate sind sie alt, wenn sie mit 30 Kilo vom Aufzüchter zum Hof geliefert werden. Vier Monate später sind sie „fertig“. Ihr Idealgewicht liegt dann bei 83 bis 103 Kilo – ohne Innereien. Von der Lieferung bis zur Tötung und dem Verkauf muss das Schwein also ordentlich fressen. Dreimal am Tag bekommt es insgesamt bis zu neun Kilo eines Breis aus Weizen, Roggen, Gerste, Soya und Eiweißfetten, der von einem Computer zusammengestellt wird. Die genauen Vorgaben für die Futterzusammenstellung macht eine Erzeugergemeinschaft (EGO), deren Mitglied Stephan L. ist. Sie entscheidet darüber, ob seine Schweine später im Verkauf das „Lebensmittel TÜV geprüft“- Gütesiegel tragen dürfen. Dafür kontrollieren sie nicht nur das Futter, sondern überprüfen auch die Haltung der Tiere und den Antibiotikaeinsatz. Ein Schwein muss nach ihren Vorgaben einen Mindestplatz von 0,75 m ² im Stall zur Verfügung gestellt bekommen (entspricht etwa der Sitzfläche von vier Bürostühlen) und darf bei einer Behandlung mit Antibiotika ab einem Körpergewicht von 50 Kilo nicht mehr unter dem Siegel verkauft werden. Die EGO ist zudem zuständig für die Lieferung der Ferkel „aus der Produktion“ beim Aufzüchter zum Masthof sowie für den Transport der Tiere ins Schlachthaus.

Stephan L. blickt sich in dem kleinen Raum mit den niedrigen Wänden um. Das Röcheln ist nicht mehr zu hören. Es kam von einem der über 50 Schweine, die in den Buchten aufgeschreckt sind. Manche von ihnen strecken aufgeregt quiekend die Köpfe in die Höhe oder versuchen sich an den Gittern hochzustemmen, andere richten sich auf und blicken stumm vor sich hin. Ihre blauen Augen sind milchig trüb, an den Ohren hängen Marken, an ihrer rosa Haut kleben Ausscheidungen. In der Ecke, aus der das Röcheln zu hören war, liegt ein Schwein auf den verschmutzten Holzdielen. Es blickt kraftlos auf, gesellt sich jedoch nicht zu seinen acht Artgenossen mit denen es sich eine Bucht teilt. Sie drücken sich aufgeregt an die Gitterstäbe, um einen besseren Blick auf den Gang zu erhaschen. „So sieht ein zufriedenes Schwein aus“, sagt L. mit einem Kopfrucken in Richtung des Tieres in der Ecke.

Dunkelheit und ein Tennisball

Stephan L. hält sich penibel an die Vorschriften der EGO. Während seines kurzen Lebens wird ein Schwein nach ihren Vorgaben in einer Bucht mit sechs bis acht Artgenossen gehalten. Vor einer neuen Lieferung müssen die Buchten desinfiziert werden. Danach wird der Platz während der viermonatigen Mastzeit nicht gereinigt. Der Geruch in den Ställen ist daher nach einiger Zeit geradezu bestialisch. Zweimal pro Tag wird das Licht in dem Raum für zwei Stunden eingeschaltet – eine weitere Vorgabe. Die restliche Zeit des Tages verbringen die Tiere in fast völliger Dunkelheit auf Holzdielen, durch die ihre Exkremente sickern. „Die Schweine sind ruhiger, wenn es dunkel ist“, erklärt L. Zur Beschäftigung hat der Landwirt in jeder Bucht eine kurze Eisenkette an der Wand befestigt, an der eine Kugel in Tennisballgröße baumelt.

Vier Monate in Dunkelheit und Gestank. Das sind rund 120 Tage, 2.880 Stunden, 172.800 Minuten. Die Schweine leiden unter dieser Beeinträchtigung ihrer Sinne, denn sie sind weitaus schlauer und aktiver, als viele ihnen zutrauen. So kommt es sogar dazu, dass sich die Tiere in ihrer verzweifelten Langeweile gegenseitig die Schwänze abkauen, weshalb diese mittlerweile in den ersten Tagen ihres Lebens gekappt werden. Professor Curtis von der Penn State University behauptet, dass „bei den Schweinen sehr viel mehr im Bereich des Denkens und Beobachtens vor sich geht, als wir je vermutet hätten.“ Schweine sind viel schlauer als Hunde, so die Wissenschaft. Dazu sagte seine Kollegin Dr. Sarah Boysen: „Schweine sind imstande, sich mit einer Intensität zu konzentrieren, die ich nie bei einem Schimpansen gesehen habe.“ Auch ihr soziales Leben drückt sich in einer natürlichen Umgebung komplex aus. Mehr als 20 ihrer Oinks, Grunzlaute und Quieker wurden für verschiedene Situationen differenziert. Ferkel lernen, auf die Stimme der Mutter zu hören und Mütter „singen“ ihren Babies etwas vor, während sie sie säugen. Zudem sind Schweine, wenn man ihnen ausreichend Platz zu Verfügung stellt, äußerst reinlich. Sie sind sehr darauf bedacht, sich nicht dort zu entleeren, wo sie schlafen oder essen.

Freie Bewegung kennen die Schweine in der Mast nicht. Der geringe Platz macht den Tieren deutlich zu schaffen. Durch den engen Kontakt der Schweine kommt es oftmals zu Infektionen, die schnell erkannt werden müssen, um keinen großen Verlust zu erleiden. Durch die Aufteilung der Tiere in Buchten soll das Ansteckungsrisiko verringert werden. Wenn man jedoch den Moment der Ansteckung zu spät erkennt, ist es möglich, dass schon ein Großteil der Schweine infiziert wurde. Dann werden mehrere Tiere behandelt oder bei schweren Erkrankungen getötet. „Wenn Tiere krank sind und getötet werden müssen, werden in diesem Zyklus keine neuen geliefert.“, erklärt L. Er tötet die kranken Tiere selbst. Zu Anfang fiel es ihm schwer, mittlerweile ist auch dieser unangenehme Teil seiner Arbeit zur Routine geworden. Durch Krankheitsfälle wie grippale Infekte verzeichnete der Landwirt in den letzten fünf Jahren einen Verlust von 1,5 Prozent. „Das ist weitaus besser als noch zu Zeiten meines Vaters. Da lagen die Verlust bei sechs bis sieben Prozent.“

Der schwarze Peter

Stephan L. fällt dieser Beruf nicht leicht. „Ich weiß nicht, ob ich das hier immer machen werde.“ Er steht auf einem kopfsteingepflasterten Hofplatz zwischen den zwei Mastanlagen, die unscheinbar zwischen Pferdeställen und dem Familienhaus liegen. Hier auf dem Bauernhof ist es friedlich. Fast könnte man vergessen, dass hinter den Backsteinen mehrere Hundert Schweine eingepfercht sind. „Diese Haltung ist nicht natürlich“, gibt er zu und blickt auf den Boden. Er verlagert sein Gewicht von einem auf das andere Bein. Immer wieder, als fände er keine angenehme Haltung. Der Meinung, dass die Tiere sehr unter der Haltung leiden, ist er jedoch nicht. Für ihn liegt der Fehler beim Konsumenten. „Würden die Verbraucher nicht so viel wegwerfen, könnten wir mindestens ein Drittel weniger Schweine schlachten.“ Eine Alternative zur konventionellen Mast? Kaum noch zu finanzieren. „Das Fleisch wird immer billiger und billiger. Die Biobauern können mit geringerer Quantität kaum noch mithalten. Mittlerweile verdient ein konventioneller Betrieb mehr als ein biologischer.“

In zwei Wochen werden die Schweine zur Schlachtung abgeholt. Oftmals ist die Beförderung in den Transportwagen eine nervenaufreibende Aufgabe. „So ein Schwein geht ja nicht freiwillig in einen Lastwagen.“ Die Tiere können mit dem plötzlichen Ortswechsel nicht umgehen – sie werden panisch. Im Schlachthaus werden sie in Buchten gesperrt. Vier Stunden bekommen sie, um sich zu beruhigen. Grund für die Gnadenfrist ist der veränderte pH-Wert im Blut durch die Stresssituation, der die Qualität des Fleisches mindert. Dann werden die Tiere nacheinander elektrobetäubt. Nicht alle werden bewusstlos, manche von ihnen erleben das, was danach geschieht in völliger Klarheit. Ein vertikaler Schnitt in den Hals. Sie werden mit dem Kopf nach unten aufgehängt. Wie Wäsche auf einer Leine baumeln sie nebeneinander.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Tiere sieben Monate zu leben. Sie haben nicht ihrer selbst willen gelebt, sondern für das, was nach ihrem Tod aus ihnen gemacht wird. In ihrem Leben haben sie womöglich nie den Himmel gesehen. Sie haben sich kein einziges Mal im Schlamm gesuhlt. Sie haben nie die Möglichkeit gehabt, sich frei zu bewegen. Es war ein Leben ohne soziale Bindungen, ohne frische Luft, ohne Licht. Ein Leben ohne einen einzigen Moment Freude. Die Schweine sind ausgeblutet. Das Fleisch wird verarbeitet, verpackt und in die Lebensmittelhäuser geliefert. Der Produktionszyklus ist vorbei. Und, was gibt’s zum Mittag?

Das ist ein Gastbeitrag von Mandy Rutkowski, der im Rahmen des Studiums an der Hochschule Hannover Journalistik entstanden ist.

Über den Autor

PETA Team

VeganBlog.de ist das Blog zum Thema Tierrechte und veganem Lifestyle von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.

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