Ernährung

Auch nicht in 20 Jahren: Warum die Grünen-Vision zu kurzsichtig ist.

Das Buch „Fleischfabrik Deutschland“ von Anton Hofreiter, dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen-Partei, hat in der letzten Zeit für viel Diskussionsstoff gesorgt. Einerseits haben die Grünen verkündet, dass sie innerhalb von 20 Jahren die „Massentierhaltung“ abschaffen wollen, andererseits zeigt sich der Vorsitzende des Bauernverbandes genervt und wirft Hofreiter Ahnungslosigkeit vor. Und Christian Schmidt sagt nur, dass das Buch nicht für die Bestsellerliste taugt. Das klingt nach einer explosiven Ladung.

Richtige Diagnosen

In seinem Buch greift Hofreiter alle Argumente bezüglich intensiver Tierhaltung auf, die schon so oft von Tierschützern thematisiert worden sind: die Überzüchtung der Tiere, die Missstände und Tierleid in den Ställen, die Verschmutzung von Grundwasser, den gefährlichen Umgang mit Antibiotika, das Wirtschaften auf Kosten des globalen Südens und nicht zuletzt die abweisende Haltung der Politik, nachhaltige Lösungen zu fördern.

Ein besonders interessanter Teil ist der Bericht von Hofreiters Reise nach Brasilien, wo er den Kampf von Bauern und Umweltaktivisten  gegen die immer größer werdenden Sojafelder beobachtet hat. In den letzten Jahren sind unzählige Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden, viele hat der Widerstand ihr Leben gekostet – was u.a. der Fleischwirtschaft hierzulande in Rechnung zu stellen ist.

Diese Passage erinnert stark an ein anderes Buch, nämlich an „Farmageddon“ von Philip Lymbery, dessen Autor durch die ganze Welt gereist ist, um Zeuge der verheerenden Auswirkungen der industriellen Tierhaltung in Europa und USA zu werden. Auch in der Hinsicht, dass das Fazit, zu dem die Autoren kommen, ein wenig enttäuschend ausfällt.

Unzureichende Schlüsse

Beide sehen nämlich die Lösung für die angesprochenen Probleme in einer Agrarwende, der Rückkehr zur kleinstrukturierten Landwirtschaft, die im Einklang mit der Natur Lebensmittel „produzieren“ kann und wo es den Tieren noch gut geht. Das Problem ist aber, dass es inzwischen genug Beweise dafür gibt, dass eine biologische Tierhaltung sich nicht zwingend tiergerechter gestaltet. Wenn Hofreiter  von einer „weitgehend artgerechten“ Haltung spricht, dann meint er einen Kompromiss – den er als Biologe ehrlich zugibt. Denn auch bei kleinen Höfen, die ihren Angaben nach respektvoll mit Tieren umgehen, kam es in Vergangenheit zu Missständen.

Es darf nicht übersehen werden, dass die Tierhaltung auch andere Probleme mit sich zieht, wie z.B. der Einfluss des Fleischkonsums auf die menschliche Gesundheit. Die Umweltbilanz kann sich nicht großartig ändern, denn auch Bio-Schweine erzeugen Gülle und auch im Bio-Betrieb werden Tausende Liter Wasser gebraucht, um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen. Damit sind in der Vision, die Hofreiter vorstellt, längst nicht alle Probleme vom Tisch.

Die V-Frage

Diese Frage stellt sich auch Hofreiter. Und kommt zum Schluss, dass er gerne Fleisch isst und es auch weiter tun möchte. Eine vegane Ernährung als nachhaltige Alternative erwähnt er nur nebenher. Deshalb geht seine Vision zwar in die richtige Richtung, ist aber leider nicht weit genug gedacht. Natürlich ist es wichtig einen Ausweg aus der industrialisierten Tierhaltung zu finden, aber um den Wandel wirklich anzukurbeln, bedarf es Methoden, die das Problem bei der Wurzel packen. Der erste Schritt ist es, die V-Frage mit „Ja“ zu beantworten.

 

Über den Autor

Andrzej

Andrzej ist Koordinator für Osteuropa bei PETA Deutschland und ist am Ausbau der Tierrechtsbewegung in dieser Region interessiert.

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