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Werfen wir die kartesianische Sicht auf Tiere über Bord!

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Diese Blogreihe ist ein Gastbeitrag von Alessia Bacigalupo

Wer sich Tiere als Maschinen vorstellt, denkt womöglich zuerst an einen Science Fiction-Roman, in dem Tiere als fühlende Maschinen die Erde in einen friedlichen Ort verwandeln wollen, an dem es keine Diskriminierung gibt…

Das wäre zwar eine tolle Einleitung für einen Roman – doch leider spreche ich hier von der „kartesianischen“ Sicht auf Tiere.

René Descartes (1596-1650), französischer Vater der modernen Philosophie, ging davon aus, der Mensch solle Tierleid ignorieren, da Nicht-Menschen bloße Automaten ohne Geist und Seele seien.

Seine Theorie führte zu der Annahme, ein leidendes Tier sei vergleichbar mit einem Uhrwerk, das mechanisch auf materielle Stimulation reagiert – als würde eine Sprungfeder in der Uhr die Zeiger in Bewegung setzen.

Der Glaube, Tiere seien nicht dazu in der Lage, Schmerz zu empfinden, diente damals auch als Rechtfertigung für Tierversuche.

Doch die Theorie von Descartes wurde später von Biologen und Verhaltensforschern widerlegt und auch von den meisten Vertretern der Aufklärung abgelehnt.

Der französische Philosoph François-Marie Arouet, bekannt als Voltaire (1694-1778), zieht in seinem Philosophischen Wörterbuch das Mitgefühl der Tierexperimentatoren in Zweifel. Provokativ fragt er sie, ob sie beim Anblick tierischer Sinnesorgane – auf der Suche nach Gemeinsamkeiten mit menschlichen Organen – wirklich dächten, die Natur hätte all die Triebfedern so perfekt zusammengesetzt, ohne dass das Tier Schmerzen empfinden würde.

Voltaire kritisierte auch das Töten von Tieren zu Nahrungszwecken, insbesondere mit Blick auf Geflügel. In seinem Dialogue du Chapon et de la Poularde von 1792 berichtet der Philosoph von dem schmerzlichen Abschied zwischen einem Hahn und einer Henne vor der Schlachtung.

Besonders interessant und traurig, aber nach wie vor relevant ist, wie der Hahn den Prozess der Ausbeutung beschreibt:

Sie sind es so gewohnt. Sie stecken uns tagelang ins Gefängnis, zwingen uns, eine Pastete von geheimer Rezeptur zu schlucken, stechen uns die Augen aus, damit wir nicht abgelenkt werden. Dann, am Festtag, reißen sie uns die Federn aus, schneiden uns die Kehle durch und braten uns.[1]

Auch Immanuel Kant (1724-1804) lehnte die kartesianische Sichtweise ab und erkannte das Leid der Tiere an. Ihm zufolge habe der Mensch die moralische Pflicht, kein Tier zu quälen, da dies auch negativen Einfluss auf die moralischen Handlungen gegenüber anderen Menschen haben könne.

Jeremy Bentham (1748-1832) war sicherlich der berühmteste englische Philosoph, der Tieren einen Platz in der Moralphilosophie einräumte. In seinem Utilitarismus – eine Moraltheorie, die Taten nach ihren Auswirkungen beurteilt – waren auf der Suche nach dem Glück auch Tiere von moralischer Bedeutung.

Er traf mit seinen Gedanken den Nerv der alten Rechtsgelehrten, die Tiere als Dinge einstuften und ihre Leidensfähigkeit ignorierten.

Ist es die Fähigkeit zur Vernunft oder vielleicht die Fähigkeit zu sprechen? […] Die Frage lautet nicht ‚Können sie denken?‘ oder ‚Können sie sprechen?‘, sondern ‚Können sie leiden?.“ Warum sollte das Gesetz seinen Schutz irgendeinem empfindenden Wesen verweigern?[2]

Er legte außerdem den Grundstein für eine kulturelle Bewegung, die man mittlerweile Anti-Speziesismus nennt, indem er einen Bezug herstellte zwischen der Diskriminierung aufgrund dunkler Hautfarbe und aufgrund der Unterscheidung, ob man vier Beine hat oder bloß zwei.

Und obwohl Bentham nicht direkt über Rassismus oder Speziesismus sprach, benannte er einen gemeinsamen Nenner zwischen der Diskriminierung zweier unterdrückter Gruppen: Dunkelhäutiger Menschen und Tiere.

Bentham wollte mit seinen Theorien sicher keine Tierrechtsbewegung gründen; doch er lieferte damit eine Verbindung zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren: Die gleichen Fähigkeiten, zu leiden, zu genießen und glücklich zu sein.

Einen weiteren wichtigen Beitrag in Sachen Tiermoral lieferte der englische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882). Er trug auf wissenschaftlicher Basis dazu bei, die anthropologische Sicht auf nicht-menschliche Lebewesen zu widerlegen.

Darwin behauptete, nicht-menschliche Tiere hätten genau wie Menschen geistige Fähigkeiten, die man sogar als grundlegende Form der Vernunft auslegen könne. Und genau wie Menschen könnten Tiere Freude, Schmerz, Glück und Leid empfinden.

Darwin hat mit seiner Theorie dargelegt, dass Mensch und Tier verwandt sind, da ihnen die gleichen evolutionären Wurzeln zu Grunde liegen. Damit forderte er einen neuen Blick unserer Gesellschaft auf Tiere.

All diese Autoren haben dazu beigetragen, das kartesianische Gedankengut, das nicht-menschliche Tiere als Dinge ansah, zu entkräften. Sie legten den Grundstein für eine neue Theorie der Tierrechte und betonten die ethische Pflicht des Menschen gegenüber Tieren.

 

[1]  Voltaire, Dialogue between a capon and a fattened hen, 1792,  Abgerufen unter http://rodama1789.blogspot.de/2015/12/voltaire-spares-thought-for-poultry.html

[2] Jeremy Bentham, Introduction to the Principles of Morals and Legislation,  Abgerufen unter https://www.utilitarianism.com/jeremybentham.html

 

Weitere Themen dieser Blogreihe:

Wie weit reichen Veganismus und Tierrechte wirklich zurück?
Speziesistische Theorie: Von ihren Anfängen und Entwicklungen
Die Tierrechtsdebatte: Vom Utilitarismus zum Abolitionismus
Die Verbindung zwischen Feminismus und der Unterdrückung von Tieren

 

Über den Autor

PETA Team

VeganBlog.de ist das Blog zum Thema Tierrechte und veganem Lifestyle von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.

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