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Post von PETA: „Lieber Micky …“

micky

Lieber Micky,

normalerweise antwortet man ja als große Organisation entweder überhaupt nicht auf solche eine Kolumne oder aber man verschickt ein kompaktes, seriöses Statement, das noch mal kurz darlegt, warum dieser Affen-Case für uns eine äußerst relevante Problematik ist.

Heute machen wir das mal anders.

Meine SocialMedia-KollegInnen sagen zwar immer „Never feed a troll“, aber heute bleibe ich auf dem Ohr einfach mal taub. Und deshalb bitteschön:
Weißt du, was irgendwie super easy ist? Die Tatsache, dass man sich als dauerfeixender, selbsternannter Rhetorik-King mit einer semi-peppigen Online-Kolumne einfach jederzeit jedes x-beliebige Thema schnappen und dieses dann innerhalb von fünf Leseminuten kompakt durch den Kakao ziehen kann. Hier und da ein paar Pointen, die gerade mal so schneidig formuliert sind, dass sie sich stimmig anfühlen, wenn man nicht zwei Zentimeter weiter denkt, und am Ende dann noch ein kleines „Eigentlich meint ihr es ja bestimmt gut“, um sich selbst noch mal gönnerhaft ins nicht allzu omni-hassende Licht zu stellen. Das ist gar nicht mal so schlau, reicht aber offensichtlich für viele aus, um dich als Einäugigen im Land der Humor-Dauerblinden feiern zu können.

Die angebliche PR-Geilheit einer Tierrechtsorganisation zu kritisieren, um sich im Fazit genau diese selbst zu attestieren, das ist schon alles andere als subtil. Aber hey: Wir versuchen halt, Tierleid zu verringern, du hingegen lachst gerne über deine eigenen Witze. Jeder tut halt, was er kann. Passt doch.

Dass du Pamela früher heiß fandest, heute aber „abgerockt“, steht dir natürlich komplett zu. Du bist schließlich ein weißer, westeuropäischer Mann und darfst alles – über alle. Pamela wird das wohl traurig machen, denn sie hat sicher weiß Gott genug Baywatch-Folgen nur für dich damaligen Jungspund und deinen schwindenden Taschentuchvorrat gedreht. Ist das der Dank? Also bitte. Aber hey, war doch nur lustig gemeint, Major League Funny vom Witze-König aus Castrop-Rauxel. Wer das nicht feiert, kann ja nur ein spießiger Veganer mit Tofu-Stirnrunzeln sein. Is klar. Eine Gegenfrage hätte ich noch: Wieviel Trash kann man eigentlich selbst produzieren (Anmerkung: Herr Beisenherz ist Autor für´s „Dschungelcamp“), bevor man merkt, dass man im Glashaus besser nicht mit Steinen werfen sollte?

Zum Affen-Selfie: Exakt, wir verklagen einen Fotografen, weil er aus einem Foto Profit schlagen möchte, das er gar nicht selbst gemacht hat. Die Tatsache, dass wir leider in einer Welt leben, in der manchen Lebewesen, wie z. B. dir, Persönlichkeitsrechte zugestanden werden und anderen – wie dem Makaken Naruto – nicht, ist für uns kein Grund, das einfach hinzunehmen. Für uns steckt in dieser Angelegenheit das Potenzial, einen juristischen Präzedenzfall zu generieren, da einem Primaten erstmals vonseiten eines Gerichts Persönlichkeitsrechte zugestanden werden könnten. Sollte dies passieren, könnte das perspektivisch auch für andere hochintelligente Tiere wie Orcawale oder Delfine, die ihr Dasein in Entertainment-Parks fristen müssen, unabsehbare, positive Konsequenzen haben. Aber so weit denkst du nicht. Weil das Ganze dann nicht mehr zu einem schmissigen Diss taugt, sondern einfach zu einer für dich wahrscheinlich sehr nervigen Form des gesellschaftlichen Protests verkommt, die zwar extrem wichtig ist, aber einfach nicht dein Bier ist. Interessiert dich nicht, geht ja schließlich auch um andere – und dann auch noch um Tiere, oder?

Du sagst selbst, du seist kein Rechtsphilosoph. Diese Tatsache ist auch mir leider direkt schmerzlich aufgefallen; deine Buzzfeed-Listen seien dir gegönnt, aber dann oute dich doch auch nicht als jemanden, der hinsichtlich der emotionalen und kognitiven Fähigkeiten von Primaten nicht einmal auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft ist. Ich versuche, das noch mal kurz zu erklären. Nur für dich. Wir sind ja unter uns hier: Dieser Affe hat es verdient, dass man ihn für das, was er ist, respektiert. Er muss nicht beweisen, zu was er kognitiv und emotional in der Lage ist (obwohl das wie gesagt mittlerweile hinlänglich wissenschaftlich belegt ist). Hier geht es darum, dass man diesem Wesen seine Würde lässt und endlich aufhört, „Der dumme Affe schnallt doch eh nix“ zu denken. Denn: Die Zeit ist reif für einen neuen Umgang mit Tieren, mein Lieber. Es geht nicht darum, dass Schweine wählen, Kühe bei dir im Tennisclub Mitglied werden dürfen und Hunde in WGs künftig auch einmal die Woche Geschirr spülen müssen. Hier geht es darum, Tiere als eigenständige Wesen zu begreifen und dass wir damit aufhören müssen, sie ständig nach unserem Gusto zu bewerten, auszunutzen oder zu benutzen.

„Wie steht es eigentlich um die unzähligen Fotos toter Tiere, deren Leichen ihr ohne ihr Einverständnis für Eure Kampagnen zur Schau stellt und ihnen die letzte Würde raubt?“ Solch einen Satz schreibst du nicht nur, weil es dafür einen Punkt auf deinem persönlichen Provokationskonto gibt, nein, den meinst du tatsächlich ernst, oder? Das Darstellen von Opfern systematischer Ausbeutungsprozesse mit der Intention, diese Ausbeutung abzuschaffen, verwurstest du mit nur einem Satz locker flockig in einen kleinen Seitenhieb. Ich würde mir anmaßen, zu behaupten, dass nicht PETA diesen Tieren die Würde raubt, sondern die Menschen, die (aktiv oder passiv) diese Ausbeutungsprozesse, in denen diese Tiere tatsächlich in Massen extremes Leid erfahren und getötet werden, unterstützen. Aber beiß doch noch mal trotzig in deine Bio-BiFi, denn „eigentlich“ magst du ja Tiere und bist auch ein „Tierfreund“, hab ich recht?

Und ja: Dein Vorschlag, dass all das Geld, das in den Affen-Prozess geflossen ist (war es denn überhaupt so viel? Ich bin sicher, du hast verlässliche Zahlen dafür recherchiert), wäre besser im Tierschutz investiert, ist tatsächlich eine relativ verrückte Idee, denn: Ich möchte dich wirklich nicht überfordern, aber wir machen gar keinen Tierschutz … Stille … Raunen in der Menge … Wir arbeiten für Tierrechte. Das ist was anderes, und da sind wir wieder beim Affen-Selfie: Tierschutz belässt das Tier als Objekt, Tierrechte machen das Tier zum Subjekt. Wir fordern nicht größere Käfige, sondern deren Abschaffung. Der Tiger aus dem Zoo soll nicht in deine Garage umziehen, aber in ein Reservat. Du verstehst? PETA setzt sich für ein globales Umdenken hinsichtlich des Mensch-Tier-Verhältnisses ein. Wir leisten Aufklärungsarbeit. Aufklärung betreibt man über die Medien. Und deshalb müssen wir auffallen – nimmt unser Konzept langsam Form an?

Tierschutz und Menschenverachtung auf der Basis einer mehr als fragwürdigen Sachlage hier kurz miteinander zu verheiraten, ist einmal mehr ein ganz schöner Knüller, den du dir hier leistest. Genau deshalb hast du es sicherlich auch gemacht, lieber Micky, du machst ja in Medien, ich merke schon. Tatsächlich haben wir erst kürzlich eine empathiefördernde Malbroschüre für geflüchtete Kinder in mehreren arabischen Sprachen an deutsche Kitas und Schulen herausgegeben. Ich arbeite mittlerweile seit acht Jahren bei PETA Deutschland und habe das Klischee vom misantropen, veganen Tierrechtler in dieser Zeit zwar schon hunderte Male unfreiwillig über soziale Netzwerke antreffen müssen, allerdings tatsächlich noch kein einziges Mal in unseren Büros. Aber wenn du es schreibst, muss es ja stimmen. Ich nehme an, du überweist monatlich deine fünf Euro an eine Hilfsorganisation und wähnst dich daher auch in diesem Fall sechs moralische Stockwerke über uns, und das ist ja auch okay. Ich freue mich für die Orga, die deine Spende nutzen darf.

Die „Holocaust auf Ihrem Teller“-Kampagne ist mittlerweile über zehn Jahre her, aber an deiner Stelle hätte ich es natürlich genauso gemacht: Sowas funktioniert einfach zu gut, als dass es einfach in der Clipping-Kiste vergammeln sollte. Denn hier hat man nun endlich das Totschlagargument an der Hand, warum man sich nicht nur niemals ernsthaft mit PETA, sondern vor allem auch niemals ernsthaft mit dem Thema Tierrechte beschäftigen muss. Denn: Die von PETA spinnen halt einfach. Punkt. Fertig ist der Lack. Da beißt die Maus keinen Faden ab, würde man als Nicht-Tierrechtler wohl sagen. Natürlich kann man eine solche Kampagne nur schwer an Provokation überbieten, da gebe ich dir völlig Recht. Und natürlich kann man diese Art der Kampagne auch konsequent für sich ablehnen, vollkommen legitim. Sogar PETA-intern gibt es dazu bis heute immer wieder Diskussionen. Tatsache ist aber, dass eine Kampagne durch den Vergleich von Parallelen in puncto industrialisiertes Töten bei vielen Menschen jüdischen Glaubens und bei Tieren deshalb nicht automatisch auch antisemitisch ist. Du bist halt, wie du schon selbst geschrieben hast, kein Rechtsphilosoph und kennst daher wahrscheinlich auch den Begriff „Speziesismus“ nicht. Kein Problem, denn der Schlaumeier-Veganer – menschenliebend, wie er ist – erklärt es dir gerne ganz kurz: Wikipedia is your friend. Und ja, mit den Juden haben wir es: Es arbeiten sogar einige bei und mit uns. Man munkelt, sie seien ganz normale KollegInnen.

Auf den nächsten Punkt habe ich als leidgeprüfter, langjähriger PETA-Mitarbeiter schon seit dem zweiten Absatz deines Kolümchens gewartet. Warte kurz, ich schreie es selbst noch mal schnell, damit auch ja der dramaturgische Handlungsbogen eingehalten wird: „PETA tötet Tiere?!?!?!“ PETA USA schläfert Tiere ein, ja, das ist korrekt. Und zwar solche, die nicht mehr vermittelbar sind; Tiere, die an Schmerzen leiden, die nicht mehr mit dem Leben vereinbar sind, und solche, deren Halter es sich aus monetären Gründen nicht leisten könnten, ihre kranken Tiere zu einem regulären Tierarzt zu bringen. Die Kollegen in den USA tun damit genau das, was du, lieber Micky, von deinem Tierarzt erwarten würdest, wenn du mit einem todkranken Tier bei ihm vorsprechen würdest. Glaubst du tatsächlich, dass Menschen, die vegan leben und sich von morgens bis abends für das Thema Tierrechte einsetzen, parallel einfach selbstgerecht und sich über allem wähnend irgendwelche gesunden Tiere töten würden? Dass du als Autor einer Stern-Kolumne exakt das tust, was jedem dahergelaufenen Facebook-Troll passiert – nämlich einer billigen Hetzkampagne Glauben zu schenken, die seit mehr als zehn Jahren von der Fleisch- und Tabakindustrie finanziert wird –, das ist in der Tat die wirklich schockierende Tatsache (an dieser Stelle: Liebe Stern-Redaktion, haben Sie sich das eigentlich gut überlegt mit dem Herrn Beisenherz, jetzt mal ehrlich …). Hier noch mal ein schneller Link für dich, nur zum Schlaumachen, dementsprechend nur bei Bedarf: http://petatoetettiere.de

Unsere „PR-Geilheit“, wie du sie nennst, könnte man auch als „Engagement für Schwächere“ bezeichnen. Klingt aus deiner Sicht dann wahrscheinlich weniger knackig, entspricht dafür aber der Wahrheit. Und leider irrst du gewaltig mit Sätzen wie „Keiner, der mal Bilder von Massentierhaltung gesehen hat und deren Folgen kennt, kann danach normal weiter Fleisch konsumieren.“ Wäre dies der Fall, wäre der Anteil von VegetarierInnen und/oder VeganerInnen in Deutschland wohl um ein Vielfaches höher, inklusive dir. Wir setzen uns für ein Thema ein, das gesellschaftlich zwar an Brisanz gewinnt, aber trotzdem noch immer viel zu viel Nische ist, als es sein dürfte. Menschen sind, wenn man mit ihnen spricht, meist ganz sympathisch. Dass die meisten Menschen trotz ihrer Nettigkeit leider trotzdem Dinge tun, die sich auf Tiere – bspw. in der Ernährungs- oder Tierversuchsindustrie– alles andere als nett auswirken, ist eine Tatsache, vor der man nicht die Augen verschließen darf. Gute Menschen tun schlechte Dinge, so ist das wohl leider schon immer gewesen. Also: Wo genau liegt hier nochmal der Soziopath begraben? PETAs Job ist es, zu zeigen, wie schlecht diese Dinge für Tiere wirklich sind. Dein Job ist es gerade, so zu tun, als seien wir die Schlechten. Eigentlich schade, wäre doch viel besser, wenn du dich mit uns gemeinsam für Tierrechte einsetzen würdest und auch mal ein bisschen an deinen eigenen Gewohnheiten schrauben würdest (hint: www.veganstart.de).

Zu behaupten, wir wären der „schwarze Block des Tierschutzes“, klingt erst mal nach „Hui, da hat der Micky aber ordentlich an seinem Text-Dampfhammer geschraubt“, tuckert dann aber, wie so vieles in deinem Text, ganz schnell röchelnd dahin, wenn man den vorhin schon beschriebenen Unterschied zwischen Tierschutz und Tierrechten wieder aufgreift und damit quasi zu dem Schluss kommt: PETA ist nicht mal auf der gleichen Demo. Aber: Im medialen Nachhall von G20 in Hamburg kann man mit solchen Begriffen natürlich prima Leute mit einer dir nicht in den Kram passenden Agenda ins gesellschaftliche Abseits schießen. Hier arbeiten tatsächlich keine radikalen Spinner, sondern ganz normale Menschen, die sich für ganz normales Mitgefühl gegenüber Tieren einsetzen. Vielleicht auf eine Art und Weise, die nicht jedem gefällt, aber das muss sie ja auch nicht. Daher: Nice try, aber wir kicken schon ein bisschen länger als du.

„Helft mir, euch zu mögen“, schreibst du ganz salopp und meinst es natürlich gar nicht ernst.
Fakt ist: Du musst uns gar nicht mögen, denn du darfst auch jederzeit gerne als Nicht-PETA-Unterstützer vegan werden, lieber Micky.

In diesem Sinne: „Bitte“ für das bisschen mehr Online-Reichweite. Gern geschehen.

Gruß & Kuss

Hendrik Thiele
Kreativleitung PETA Deutschland

Über den Autor

Hendrik

Hendrik Thiele ist Leiter des Bereichs „Kreation & Großprojekte“ bei PETA Deutschland.

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