Ernährung

Das Fleischparadox: Warum mitfühlende Menschen Fleisch essen

Fleisch und Gemuese
© iStock.com / itakdalee

Studie untersucht, aus welchen Gründen Menschen Tiere essen.

Kennst du die drei N der Rechtfertigung? Nein? Möglicherweise sind sie dir dennoch schon begegnet. Vermutlich als Reaktion anderer Menschen, denen du erzählt hast, dass du vegan lebst. Die drei N (normal, natürlich, notwendig) werden u. a. genutzt, um den Konsum von Fleisch zu rechtfertigen.

Interview mit Tamara Pfeiler

Dr. Tamara Pfeiler vom Psychologischen Institut der Uni Mainz hat zusammen mit internationalen Kollegen verschiedener Hochschulen untersucht, welche psychologischen Mechanismen hinter dem Fleischkonsum stecken. In unserem Interview erklärt sie, was das Ergebnis war. Außerdem hat sie uns verraten, wie sie mit schwierigen Fragen von Fleischessern umgeht.

Veganblog: Viele Menschen in unserer Gesellschaft würden sich selbst als tierlieb beschreiben; sie behandeln ihren Hund wie ein richtiges Familienmitglied und trauern, wenn ihr tierischer Mitbewohner stirbt. Trotzdem landet bei vielen von ihnen Tiere oder Produkte, für die Tiere ausgebeutet wurden, auf dem Teller. Was ist der Mechanismus dahinter?

Pfeiler: Es gibt in der Psychologie verschiedene Erklärungen für das Phänomen, das als Fleischparadox beschrieben wurde.

Das Fleischparadox hat die Annahme, dass die meisten Menschen mitfühlend mit Tieren sind und gleichzeitig Fleisch und andere tierliche Produkte konsumieren. Das birgt einen moralischen Konflikt in sich.

Die einfachste Lösung für diesen Konflikt wäre, aufzuhören Fleisch zu essen. Das machen allerdings nur die wenigsten Menschen, die meisten verändern ihr Verhalten nicht. In der psychologischen Forschung wurden bisher z.B. untersucht, wie Menschen diesen Konflikt psychologisch lösen und welche Rechtfertigungen mit Fleischkonsum einhergehen. Hierbei konnte gezeigt werden, dass Menschen generell in essbare und nicht-essbare Tierarten unterscheiden und essbaren Tieren weniger geistige Fähigkeiten und Leidensfähigkeit zusprechen als nicht-essbaren Tierarten.

Andere Studien haben berichtet, dass, wenn fleischessende Menschen daran erinnert werden, dass für Fleisch ein Tier getötet wurde, sie die geistigen Fähigkeiten von essbaren Tierarten leugnen. Das bedeutet, das Fleischparadox kann z.B. so gelöst werden, in dem essbaren Tieren weniger Leidensfähigkeit zugesprochen wird. Dann scheint es auch nicht mehr so schlimm zu sein, diese für ihr Fleisch zu töten.

Viele Menschen rechtfertigen ihren Fleischkonsum statt ihn zu ändern

Veganblog: Viele Veganer kennen die Situation, dass z. B. im Restaurant beim gemeinsamen Essen mit omnivoren Freunden und Bekannten gar nicht sie, sondern ihr Fleisch essendes Gegenüber die Diskussion beginnt – einfach, weil man etwas Veganes bestellt hat. Wieso rechtfertigen Menschen überhaupt ihren Fleischkonsum? Schließlich setzen Menschen überall auf Fortschritt, aber beim Thema Essen muss es manchmal so „ursprünglich“ sein?

Pfeiler: Dass viele Menschen einen Drang haben, ihren Fleischkonsum zu rechtfertigen, lässt sich anhand des Fleischparadoxes gut nachvollziehen. In Situationen, in denen fleischessenden Personen damit konfrontiert werden, dass andere sich gegen Fleischkonsum aussprechen, kann dieser moralische Konflikt ausgelöst werden und daher fangen viele Menschen in dieser Situation an, sich zu rechtfertigen. Es gibt aber auch Menschen, die sich sehr stark über die Abgrenzung zum Tier als Mensch definieren und es daher für ihre Identität wichtig erscheint, andere Tiere zu konsumieren, um die menschliche Überlegenheit zu demonstrieren.

Menschen essen aus bestimmten Überzeugungen heraus Fleisch

Veganblog: Was genau haben Sie in Ihrer Untersuchung betrachtet?

Pfeiler: In unserer Forschung haben wir untersucht, ob gewisse Überzeugungen mit Fleischkonsum einhergehen. Den meisten Menschen ist klar, dass Vegetarier oder Veganer bestimmte Überzeugungen haben, die erklären, warum sie kein Fleisch essen oder den Konsum von Tierprodukten ablehnen.

Wir haben uns in unserer Arbeit mit den Überzeugungen von Menschen befasst die Fleisch essen. Dabei haben wir uns zum einen auf die Karnismus-Theorie* von Melanie Joy gestützt und zum anderen auf schon bestehende wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Fleischkonsum.

Ein zentrales Ergebnis unserer Studien ist, dass der Konsum von Fleisch eben nicht nur eine Frage des Geschmacks ist, sondern auch mit diesen so genannten karnistischen Überzeugungen einhergehen, die das Essen, aber auch Töten von Tieren legitimieren.

Wir haben zwei Formen von karnistischen Überzeugungen unterschieden: Karnistische Rechtfertigung enthält Überzeugungen, die Fleischkonsum als normal, natürlich und notwendig ansehen. Karnistische Domination beinhaltet Überzeugungen, dass Tiere nicht leiden können und dazu da sind gegessen zu werden und getötet werden dürfen. Zum einen gehen wir davon aus, dass karnistische Rechtfertigung auch dazu genutzt werden, um das Fleischparadox zu lösen. Zum anderen nehmen wir an, dass Personen, die der karnistischen Domination zustimmen, eher weniger empathisch mit Tieren sind und daher auch eher weniger von dem Fleischparadox betroffen sind. Dies sollen zukünftige Studien noch genauer untersuchen.

Veganblog: Hängt der Fleischkonsum bzw. die Menge an konsumiertem Fleisch damit zusammen, wie stark Menschen davon überzeugt sind, dass es notwendig, natürlich und normal ist?

Pfeiler: Wir haben gefunden, dass die Menge an konsumiertem Fleisch positiv damit zusammenhängt wie sehr Menschen diesen karnistischen Rechtfertigungen zustimmen. Es gibt allerdings auch Personen, die Fleisch konsumieren und nur eine geringe Ausprägung auf den karnistischen Überzeugungen haben. Darüber hinaus konnten wir zeigen, dass Menschen, die schon einmal ein Tier für Fleisch getötet haben, stärker der karnistische Domination zustimmen als Personen, die noch kein Tier getötet haben.

Menschen, die Tiere herabstufen, teilen scheinbar eher Menschen nach Hautfarbe oder Geschlecht ein

Veganblog: Sie haben auch den Zusammenhang zwischen den karnistischen Überzeugungen und anderen sozialpolitischen Überzeugungen untersucht. Was war das Ergebnis?

Pfeiler: Unsere Studien zeigen, dass Personen, die den karnistischen Überzeugungen zustimmen auch eher konservativ sind, eher Hierarchien zwischen menschlichen Gruppen befürworten und eher zu Vorurteilen neigen. Allerdings sind diese Ergebnisse rein korrelativ und wir können keine Aussage über die Kausalität dieser Zusammenhänge treffen. (Anmerkung: Es wurde zwar eine Beziehung zwischen zwei Merkmalen untersucht und festgestellt, man weiß aber nicht, ob das eine das andere verursacht/beeinflusst.) Das bedeutet also nicht, dass Menschen, die Fleisch konsumieren auch eher zu Vorurteilen neigen, sondern, dass karnistische Überzeugungen mit Überzeugungen zusammenhängen, die Gruppen von Menschen hierarchisieren (z.B. anhand von Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht).

Veganblog: Diese sozialpolitischen Überzeugungen werden auch nicht selten mit den drei N gerechtfertigt. Vermutlich kein Zufall, oder?

Pfeiler: Ja, für zukünftige Studien wäre es sehr interessant diesen Zusammenhängen noch weiter auf den Grund zu gehen. Hier gibt es in der psychologischen Forschung schon einige Arbeitsgruppen, die sich aktuell mit dem Thema befassen. Eine wichtige generelle Überzeugung scheint die soziale Dominanzorientierung zu sein, die grundlegend Hierarchien zwischen Gruppen befürwortet.

Wie klärt man Menschen über den Widerspruch zwischen Fleischkonsum und Moralvorstellung auf?

Veganblog: Ernährung ist ein sehr persönliches Thema. Können Sie aus Ihrer Studie ableiten, wo z. B. Tierrechtsorganisationen ansetzen können, um Menschen über den Widerspruch zwischen ihrem Fleischkonsum und ihrer eigentlich vorherrschenden moralischen Überzeugung aufzuklären? Wie locken wir Menschen aus ihrer Komfortzone?

Pfeiler: Das ist eine sehr schwierige Frage. Grundsätzlich bedarf es viel Aufklärung, dass die Annahmen, dass Fleischkonsum normal, natürlich und notwendig sei, keine Fakten sind, sondern Überzeugungen. Das ist in unserer karnistischen Gesellschaft schwer, da auch Ärzte, Lehrer, Erzieher, Politiker, Wissenschaftler etc. karnistisch sozialisiert sind und diese Überzeugungen unreflektiert vertreten.

Darüber hinaus denke ich, dass es nicht die eine richtige Strategie gibt, welche für alle Menschen gleich gut passt. Aus der Forschung zu Motiven für eine vegetarische oder vegane Ernährung wissen wir, dass ethische Überlegungen am häufigsten genannt werden, gefolgt von Umweltschutzgründen, persönliche Gesundheit oder Ekel (für einige spielen auch spirituelle Gründe eine Rolle).

Für Aufklärung ist es sicherlich wichtig neben dem moralischen Dilemma und den negativen Folgen für den Körper und die Umwelt auch den persönlichen Gewinn einer Verhaltensveränderung zu fokussieren (für die Tiere, den eigenen Körper und die Umwelt). Ich denke, dass die meisten Tierrechtsorganisationen dies schon berücksichtigen. Scham, Schuld und ein schlechtes Gewissen auszulösen hat bei den wenigsten Menschen den gewünschten Effekt, sondern führt eher dazu, dass diese sich abwenden, um sich selbst zu schützen.

Es kann auch helfen, dass Thema erst einmal ohne eine persönliche Relevanz zu diskutieren, um die persönlichen Schutzfunktionen (wie z.B. Abwertung von Tieren, aktivieren von karnistischen Rechtfertigungen für das eigene Verhalten) zu umgehen z.B. mit meinem Gegenüber darüber zu sprechen, warum es für zukünftige Generationen wichtig sein könnte, fleischfrei oder generell frei von Tieren zu leben.

Wie geht man im Alltag mit Menschen um, die ablehend auf Vegansimus reagieren?

Veganblog: Lässt sich aus der Studie ableiten, wie man im persönlichen Gespräch mit diesen Reaktionen umgehen kann?

Pfeiler: Nein leider nicht, dazu fehlen noch Untersuchungen. Aus meiner eigenen persönlichen Erfahrung hilft es, den anderen nicht „überzeugen“ zu wollen, sondern seine eigene Geschichte zu erzählen und zu versuchen, dass das Gegenüber, meine Beweggründe kognitiv wie emotional nachvollziehen kann. Damit kann ich diesem eine Tür öffnen sich ohne zu starkem moralischen Konflikt oder Abwertung dem Thema anzunehmen und so versuchen eben die üblichen Reaktionen zu umgehen.

Veganblog: Und zum Schluss noch eine persönliche Frage. Sie leben selbst vegan. Was antworten Sie auf häufige Argumente wie „Der Mensch hat doch Reißzähne“ oder „Wir haben ein so großes Gehirn entwickelt, weil wir Fleisch essen?“

Pfeiler: Tatsächlich muss ich bei solchen Argumenten meistens erst einmal lachen und frage mein Gegenüber, ob er/sie mit seinen/ihren Reißzähnen auch schon einmal ein Tier gerissen hat (wie es die Löwin zum Beispiel tut). Dann erkläre ich ganz ruhig, dass diese Annahme einfach nicht stimmt.

Für das Argument mit der Gehirngröße kann ich antworten, dass das Gehirn seit vielen, vielen Jahren nicht mehr weiter gewachsen ist, obwohl wir weiterhin Fleisch essen (und wir auch nur einen kleinen Teil des Gehirns nutzen).

Dann erkläre ich, dass ich selbst auch sehr lange daran geglaubt habe, dass der Mensch Fleisch und andere tierliche Produkte für seine Gesundheit braucht. Das ich aber vor einigen Jahren angefangen habe, diese Überzeugungen zu hinterfragen und festgestellt habe, dass diese Annahmen einfach nicht stimmen. Und dann erzähle ich von meinem eigenen Prozess der Auseinandersetzung mit diesem Thema und warum ich mich auf Grund meines Mitgefühls für Tiere dafür entschieden habe, vegan zu leben.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Dr. Tamara Pfeiler, dass sie sich die Zeit zum Beantworten unserer Fragen genommen hat.

Interesse am Thema Karnismus bekommen?

Falls du dich für das Thema interessierst, empfehle ich dir das Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen: Karnismus – eine Einführung“ von Melanie Joy

*Karnismus ist im Grunde die Psychologie des Fleischkonsums. Der Begriff steht für ein unsichtbares System aus Überzeugungen oder Ideologien, das die Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tiere zu essen. Karnismus ist das Gegenteil von einer vegetarischen oder veganen Lebenseinstellung; „Karn“ bedeutet „Fleisch“ oder „aus Fleisch“ und die Endung „-ismus“ bezeichnet ein Überzeugungssystem. Der Begriff wurde von Melanie Joy geprägt, die auch beschreibt, mit welchen Argumenten Menschen ihren Fleischkonsum rechtfertigen: den drei N. Es sei normal, natürlich und notwendig.

Über den Autor

Felicitas

ist bei PETA Fachreferentin für Ernährung und findet, dass Essen nur ohne Tierleid ein Genuss ist.

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